leseproben

Hier möchte ich euch einige Bücher vorstellen, die ich in letzter Zeit gelesen habe und euch empfehlen möchte.

Dazu habe ich einige Leseproben gesammelt

Inhalt:

1. Illuminati -DanBrown

2. Sakrileg - Dan Brown

3. Diabolus - Dan Brown

4. Die Päpstin -Donna Woolfolk Cross

5. Die Säulen der Erde- Ken Follet

6. Blutadler - Craig Russel

7. Der Schwarm - Frank Schätzing

8. Die Wanderhure - Iny Lorentz

9. Die Kastellanin - Iny Lorentz

10.Das Vermächtnis der Wanderhure - Iny Lorentz

11. Ich bin dann mal weg- Hape Kerkeling

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1.Illuminati :

Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Axel Merz

Kapitel 1
Die junge Frau hoch oben auf den Stufen der Großen Pyramide von Gizeh lachte. „Beeil dich, Robert!“, rief sie zu ihm hinunter. „Ich hätte wirklich einen jüngeren Mann heiraten sollen!“ Ihr Lächeln war zauberhaft.
Er bemühte sich mitzuhalten, doch seine Beine fühlten sich an wie Blei. „Warte!“, flehte er. „Bitte ...“
Er mühte sich weiter, und seine Sicht begann zu verschwimmen. In seinen Ohren rauschte es. Ich muss zu ihr! Doch als er erneut nach oben sah, war die Frau verschwunden. An ihrer Stelle stand ein alter Mann mit faulen Zähnen. Der Mann starrte zu ihm hinunter und verzog das Gesicht zu einer sehnsüchtigen Grimasse. Dann stieß er einen gequälten Schrei aus, der weit über die Wüste hallte.

Robert Langdon schrak aus seinem Albtraum hoch. Das Telefon neben dem Bett klingelte. Benommen nahm er den Hörer ab.
„Hallo?“
„Ich suche Robert Langdon“, sagte eine Männerstimme.
Langdon richtete sich in seinem Bett auf und versuchte die Benommenheit abzuschütteln. „Hier ... hier ist Robert Langdon.“ Er schielte auf seine Digitaluhr. Es war fünf Uhr achtzehn.
„Ich muss Sie unbedingt treffen.“
„Wer ist denn da?“
„Mein Name ist Maximilian Kohler. Ich bin Teilchenphysiker.“
„Was?“ Langdon konnte sich kaum auf das Gespräch konzentrieren. „Sind Sie sicher, dass Sie den richtigen Langdon gefunden haben?“
„Sie sind Professor für religiöse Symbolologie an der Harvard University. Sie haben drei Bücher über Symbolologie geschrieben und ...“
„Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“
„Bitte entschuldigen Sie. Ich habe etwas, das Sie sich ansehen müssen. Ich kann am Telefon nicht darüber sprechen.“
Ein ahnungsvolles Stöhnen drang über Langdons Lippen. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Eine der Gefahren beim Schreiben von Büchern über religiöse Symbolologie waren die Anrufe von religiösen Eiferern, die ihre jüngsten Zeichen Gottes von ihm bestätigt haben wollten. Letzten Monat erst hatte eine Stripperin Langdon den besten Sex seines Lebens versprochen, wenn er nach Oklahoma fliegen und die Echtheit eines Kreuzes bestätigen würde, das auf magische Weise auf ihrem Bettlaken entstanden war. Das Leichentuch von Tulsa, hatte Langdon es genannt.
„Woher haben Sie meine Nummer?“ Langdon bemühte sich, höflich zu bleiben, trotz der frühen Stunde.
„Aus dem Internet. Von der Webseite, auf der Ihr Buch vorgestellt wird.“
Langdon runzelte die Stirn. Er war verdammt sicher, dass seine Telefonnummer nicht auf der Seite zu finden war. Der Mann log offensichtlich.

„Ich muss Sie treffen!“, beharrte der Anrufer. „Ich werde Sie großzügig entlohnen!“
Allmählich verlor Langdon die Geduld. „Es tut mir Leid, aber ich habe wirklich ...“
„Wenn Sie auf der Stelle aufbrechen, könnten Sie gegen ...“
„Ich werde nirgendwohin aufbrechen! Es ist fünf Uhr morgens!“ Langdon warf den Hörer auf die Gabel und fiel zurück ins Bett. Er schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen – vergebens. Seine Gedanken kreisten immer wieder um den Traum. Schließlich schlüpfte er in seinen Morgenmantel und ging nach unten.

Barfuß wanderte Robert Langdon durch das leere viktorianische Haus in Massachusetts, in der Hand sein traditionelles Mittel gegen Schlaflosigkeit – einen Becher dampfenden Nesquik. Der Aprilmond schimmerte durch die Erkerfenster und spielte auf den Orientteppichen. Langdons Kollegen witzelten oft, dass sein Haus mehr nach einem anthropologischen Museum aussah als nach einem Heim. Die Regale waren voll gestopft mit religiösen Artefakten aus der ganzen Welt – einem ekuaba aus Ghana, einem goldenen Kreuz aus Spanien, einem kykladischen Idol aus der Ägäis; sogar ein seltener gewebter boccus aus Borneo war darunter, das Kriegersymbol ewiger Jugend.

Als Langdon auf seiner messingbeschlagenen Maharischi-Truhe saß und die warme Schokolade genoss, bemerkte er im Glas des Erkerfensters sein Spiegelbild. Es war verzerrt und bleich ... wie ein Gespenst. Ein alterndes Gespenst, dachte Langdon und fühlte sich auf grausame Weise daran erinnert, dass sein jugendlicher Geist in einer sterblichen Hülle wohnte.
Obwohl im klassischen Sinn nicht ausgesprochen gut aussehend, besaß der fünfundvierzigjährige Langdon doch, was seine weiblichen Kolleginnen als die Anziehungskraft der „Weisheit“ bezeichneten – graue Strähnen in dem dichten braunen Haar, durchdringend blaue Augen, eine fesselnde dunkle Stimme und das selbstbewusste, sorgenfreie Lächeln des Collegesportlers. Er war sowohl in der Vorbereitungsschule als auch am College als Turmspringer in der Schulmannschaft gewesen, und er besaß noch immer die Figur eines Schwimmers, kraftvoll und über einsachtzig groß, die er wachsam mit täglich fünfzig Bahnen im Becken der Universität trainierte.

Langdons Freunde waren nie ganz klug aus ihm geworden. Ein Mann, der zwischen den Jahrhunderten gefangen war. An Wochenenden konnte man ihn in Bluejeans im Viertel treffen, wo er mit Studenten über Computergrafik oder Religionsgeschichte diskutierte; dann wieder sah man ihn in seinem Jackett aus Harris-Tweed mitsamt Paisley-Weste, wenn er zu Museumseröffnungen eingeladen wurde, Vorträge hielt oder für die Titelseiten teurer Kunstmagazine fotografiert wurde.
Obwohl Langdon ein strenger Lehrer und Zuchtmeister war, gehörte er doch zu jenen, die der „verlorenen Kunst von gutem, harmlosem Spaß“ anhingen. Er genoss seine Freizeit mit einem ansteckenden Fanatismus, der ihm unter seinen Studenten eine fast brüderliche Anerkennung eingebracht hatte. Sein Spitzname auf dem Campus – „der Delfin“ – war eine Anspielung nicht nur auf seine umgängliche Art, sondern auch auf die Fähigkeit, in ein Becken zu springen und in einem Wasserballspiel eine ganze gegnerische Mannschaft zum Narren zu halten.

Während Langdon dasaß und geistesabwesend in die Dunkelheit starrte, wurde die Stille seines Hauses erneut gestört, diesmal vom Klingeln des Faxgeräts. Zu erschöpft, um sich zu ärgern, stieß Langdon ein müdes Kichern aus.
Gottes Volk, dachte er. Seit zweitausend Jahren warten sie auf ihren Messias, und sie sind immer noch hartnäckig wie die Pest.

Übernächtigt brachte er den leeren Becher in die Küche und tappte von dort aus langsam in sein mit Eichenpaneelen verkleidetes Arbeitszimmer. Das angekommene Fax lag im Ausgabebehälter. Seufzend nahm er das Blatt und warf einen Blick darauf.

Im gleichen Augenblick stieg eine Welle von Übelkeit in ihm hoch.
Es war das Bild eines menschlichen Leichnams. Der Körper war splitternackt und der Kopf so weit verdreht, dass das Gesicht ganz nach hinten zeigte. Auf der Brust des Toten war eine grässliche Brandwunde. Der Mann war gebrandmarkt worden ... mit einem einzigen Wort. Es war ein Wort, das Langdon bestens kannte. Er starrte ungläubig auf die kunstvollen Buchstaben.
„Illuminati“, stammelte er, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Das kann nicht sein ...
Wie in Zeitlupe, als fürchtete er, was seine Augen sehen würden, drehte er das Blatt um hundertachtzig Grad und betrachtete das Wort auf dem Kopf.
Ihm stockte der Atem. Es war, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Er traute seinen Augen nicht, als er das Fax erneut drehte und das Brandmal einmal auf dem Kopf und einmal richtig herum las.
„Illuminati“, flüsterte er.
Wie betäubt sank er in einen Sessel, wo er für ein paar Augenblicke in völliger Bestürzung verharrte. Nach und nach wurde sein Blick vom blinkenden roten Licht des Faxgeräts angezogen. Wer auch immer dieses Fax geschickt hatte, er war noch in der Leitung ... wartete darauf, mit ihm zu sprechen. Lange Zeit starrte Langdon reglos auf das blinkende Licht.
Dann, mit zitternden Fingern, nahm er den Hörer ab.

Kapitel 2
Schenken Sie mir jetzt Ihre Aufmerksamkeit?“, fragte die Stimme des Anrufers.
„Jawohl, Sir, darauf können Sie Gift nehmen! Würden Sie sich erklären?“
„Das habe ich vorhin bereits versucht.“ Die Stimme klang steif, mechanisch. „Ich bin Physiker. Ich leite eine Forschungseinrichtung. Dort wurde ein Mord begangen. Sie haben den Leichnam gesehen.“
„Wie haben Sie mich gefunden?“ Langdon konnte sich kaum konzentrieren. Sein Verstand raste, kreiste um das Bild auf dem Fax.
„Das habe ich Ihnen bereits gesagt. Dank des World Wide Web. Ich meine die Webseite Ihres Buches, Die Kunst der Illuminati.“
Langdon versuchte seine Gedanken zu sammeln. Sein Buch war in literarischen Kreisen praktisch unbekannt, auch wenn es online eine beträchtliche Anhängerschaft gewonnen hatte. Nichtsdestotrotz ergab die Behauptung des Anrufers keinen Sinn. „Auf der Webseite finden sich keine Kontaktinformationen“, widersprach Langdon herausfordernd. „Da bin ich ganz sicher.“
„Ich verfüge über eine Reihe von Mitarbeitern, die sehr geschickt sind, wenn es darum geht, Userinformationen aus dem Web zu beschaffen.“
Langdon blieb skeptisch. „Hört sich so an, als wüssten Sie und Ihre Leute eine ganze Menge über das Web.“
„Das sollten wir auch“, schoss der andere zurück. „Wir haben es erfunden.“
Irgendetwas in der Stimme des anderen verriet Langdon, dass seine Behauptung ernst gemeint war.
„Ich muss Sie treffen“, beharrte die Stimme. „Es geht um eine Angelegenheit, die wir nicht am Telefon besprechen können. Die Forschungseinrichtung liegt nur eine Flugstunde von Boston entfernt.“
Langdon stand im schwachen Licht seines Arbeitszimmers und betrachtete erneut das Fax in seiner Hand. Das Bild war überwältigend. Wahrscheinlich war es die epigrafische Entdeckung des Jahrhunderts. Dieses eine Symbol – falls es echt war – bestätigte ein ganzes Jahrzehnt seiner Forschungen.
„Es ist von äußerster Wichtigkeit!“, drängte die Stimme.

Langdons Blick ruhte auf dem Brandmal. Illuminati, las er immer und immer wieder. Bis zum heutigen Tag hatte seine Arbeit auf dem symbolologischen Äquivalent von Fossilien beruht – alten Dokumenten und historischem Material –, doch dieses Bild hier stammte aus der Gegenwart. Präsens. Er fühlte sich wie ein Paläontologe, der unvermittelt einem lebenden Dinosaurier gegenübersteht.

„Ich war so frei, Ihnen ein Flugzeug zu schicken“, sagte die Stimme. „Es wird in etwa zwanzig Minuten in Boston landen.“
Langdon spürte, wie sein Mund trocken wurde. Eine Flugstunde ...
„Bitte verzeihen Sie meine Vermessenheit“, fuhr die Stimme fort, „aber ich brauche Sie hier.“
Langdon starrte erneut auf das Fax. Ein alter Mythos, der auf diesem Schwarzweißbild seine Bestätigung gefunden hatte. Die Schlussfolgerungen waren beängstigend. Abwesend starrte er durch das Erkerfenster nach draußen. Das erste Licht des heraufdämmernden Morgens schimmerte durch die Birken in seinem Garten, doch diesmal sah es irgendwie anders aus. Während eine eigenartige Mischung von Furcht und Aufregung in ihm aufstieg, wurde ihm bewusst, dass er überhaupt keine Wahl hatte.
„Sie haben gewonnen“, sagte er schließlich. „Sagen Sie mir, wie ich zu diesem Flugzeug komme.“

Kapitel 3
Tausende von Meilen entfernt trafen sich zwei Männer. Das Zimmer war düster. Mittelalterlich. Nackter Stein.
„Benvenuto“, sagte der Auftraggeber. Er saß im Schatten, fast unsichtbar. „Waren Sie erfolgreich?“
„Sì“, antwortete die dunkle Gestalt. „Perfettamente.“ Ihre Aussprache war so hart wie die Steinwände.
„Und es wird keinen Zweifel geben, wer verantwortlich ist?“
„Keinen.“
„Ausgezeichnet. Haben Sie, was ich wollte?“
Die Augen des Killers glitzerten schwarz wie Öl. Er nahm ein schweres elektronisches Gerät und stellte es auf den Tisch.
Der Mann im Schatten schien erfreut. „Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“
„Es ist mir eine Ehre, der Bruderschaft zu dienen“, erwiderte der Killer.
„Phase zwei beginnt in Kürze. Ruhen Sie sich aus. Heute Nacht verändern wir den Lauf der Welt.“

Kapitel 4
Robert Langdons Saab 900S schoss durch den Callahan Tunnel und kam auf der Ostseite des Boston Harbour ganz in der Nähe der Einfahrt zum Logan Airport wieder hervor. Nach kurzer Orientierung fand Langdon die Aviation Road und bog hinter den alten Gebäuden der Eastern Airlines links ab. Dreihundert Meter weiter ragte ein Hangar in der Dunkelheit auf. Er war mit einer großen „4“ gekennzeichnet. Langdon steuerte auf den Parkplatz und stieg aus dem Wagen.

Ein rundgesichtiger Mann in einem blauen Fliegeranzug kam hinter dem Gebäude hervor. „Robert Langdon?“, rief er. Die Stimme des Mannes klang freundlich. Er besaß einen Akzent, den Langdon nicht einzuordnen vermochte.
„Das bin ich“, antwortete Langdon und verschloss seinen Wagen.
„Perfektes Timing“, sagte der Mann. „Ich bin eben erst gelandet. Folgen Sie mir bitte.“
Sie umrundeten das Gebäude, und in Langdon wuchs die Anspannung. Er war nicht an rätselhafte Telefonanrufe und geheime Treffen mit Fremden gewöhnt. Da er nicht gewusst hatte, was ihn erwartete, hatte er seine übliche Vorlesungsgarderobe gewählt – eine strapazierfähige Baumwollhose, einen Rollkragenpullover und ein Jackett aus Harris-Tweed. Während er dem Piloten folgte, musste er erneut an das Fax in seiner Jackentasche denken – er konnte immer noch nicht glauben, was auf dem Bild zu sehen war.

Der Pilot schien Langdons Besorgnis zu spüren. „Fliegen bereitet Ihnen doch keine Probleme, Sir?“
„Überhaupt nicht“, antwortete Langdon. Leichen mit Brandmalen sind ein Problem für mich, aber fliegen? Damit komme ich klar.
Der Mann führte Langdon um den gesamten Hangar herum. Sie erreichten die Ecke, und vor ihnen erstreckte sich das Rollfeld.
Als Langdon das auf dem Vorfeld parkende Flugzeug sah, blieb er wie angewurzelt stehen. „Wir fliegen mit dieser Maschine?“
Der Mann grinste. „Gefällt sie Ihnen?“
Langdon starrte das Flugzeug sprachlos an. „Ob es mir gefällt? Was zur Hölle ist das?“

Das Flugzeug war riesig. Es erinnerte vage an ein Space Shuttle, mit dem Unterschied, dass die Oberseite völlig flach war. Wie es dort auf dem Rollfeld stand, sah es wie ein gewaltiger Keil aus. Langdons erster Gedanke war, dass er träumen musste. Dieses Gebilde sah aus, als wäre es ungefähr so flugtauglich wie eine Buick-Limousine. Flügel gab es praktisch nicht, nur winzige Stummelfinnen am hinteren Ende des Rumpfs. Zwei Seitenruder ragten aus dem Heck. Der Rest der Maschine war Rumpf – ungefähr sechzig Meter Länge insgesamt –, fensterloser, nackter Rumpf.

„Zweihundertfünfzigtausend Kilo voll betankt“, erklärte der Pilot wie ein Vater, der stolz von seinem Neugeborenen spricht. „Fliegt mit flüssigem Wasserstoff. Der Rumpf besteht aus einer Titan-Siliziumcarbid-Matrix. Die Lady besitzt ein Schub-Gewichtsverhältnis von zwanzig zu eins. Die meisten Jets schaffen höchstens sieben zu eins. Der Direktor muss es wirklich verflixt eilig haben, Sie zu sehen. Normalerweise schickt er nicht die große Lady hier.“
„Dieses Ding fliegt?“, fragte Langdon.

Der Pilot lächelte. „O ja.“ Er führte Langdon über den Beton zu dem Flugzeug. „Sieht ziemlich verblüffend aus, ich weiß, aber daran gewöhnen Sie sich besser. In fünf Jahren sehen Sie nur noch diese Babys. hscts, High Speed Civil Transports. Unsere Einrichtung gehört zu den ersten, die über so eine Hochgeschwindigkeitsmaschine verfügen.“
Muss ja eine wahnsinnig wichtige Einrichtung sein, dachte Langdon.

„Das hier ist ein Prototyp einer Boeing X-33“, fuhr der Pilot fort. „Inzwischen gibt es Dutzende anderer Entwicklungen – das National Aero Space Plane, den Scramjet der Russen, das hotol der Engländer. Das dort ist die Zukunft; es dauert nur noch kurze Zeit, bis diese Flugzeuge zum Standard gehören. Konventionelle Jets sind jedenfalls Schnee von gestern.“
Misstrauisch starrte Langdon zu dem Flugzeug hoch. „Ich denke, ich ziehe konventionelle Jets vor.“
Der Pilot deutete auf die Gangway. „Hier entlang bitte, Mr. Langdon. Und passen Sie auf, wo Sie hintreten.“

Minuten später saß Langdon in einer leeren Kabine. Der Pilot schnallte ihn in der vordersten Reihe an und verschwand im Cockpit.

Die Kabine sah der Flugzeugkabine eines gewöhnlichen kommerziellen Passagierflugzeugs verblüffend ähnlich – mit der einzigen Ausnahme, dass es keine Fenster gab, sehr zu Langdons Beunruhigung. Er hatte sein Leben lang unter einer schwach ausgeprägten Klaustrophobie gelitten – die Folge eines Kindheitserlebnisses, das er niemals ganz überwunden hatte.
Langdons Aversion gegen geschlossene Räume war keineswegs so schlimm, dass sie ihn schwächte, doch es war eine frustrierende Angelegenheit. Sie manifestierte sich auf vielfache und subtile Weise. Er mied Sportarten, die in geschlossenen kleinen Hallen stattfanden – Badminton oder Squash, zum Beispiel –, und er hatte ohne mit der Wimper zu zucken ein kleines Vermögen für sein luftiges viktorianisches Haus mit den hohen Zimmern gezahlt, obwohl die Fakultät preiswerte Wohnungen und Häuser anbot. Langdon vermutete, dass auch sein aus der Jugend stammendes Interesse an der Kunst seiner Liebe für die weiten, offenen Räume von Museen entsprang.

Die Motoren des Flugzeugs erwachten brüllend zum Leben und sandten ein dumpfes Vibrieren durch den gesamten Rumpf. Langdon schluckte mühsam und wartete. Er spürte, wie das Flugzeug sich in Bewegung setzte. Aus den Deckenlautsprechern drang leise Country-Musik.

Ein Telefon an der Wand neben ihm summte zweimal. Langdon nahm den Hörer ab. „Hallo?“
„Haben Sie es sich bequem gemacht, Mr. Langdon?“
„Überhaupt nicht.“
„Entspannen Sie sich, Sir. Wir sind in einer Stunde da.“
„Und wo genau ist da?“, fragte Langdon, als ihm bewusst wurde, dass er vollkommen ahnungslos war, wohin die Reise ging.
„Genève“, antwortete der Pilot und erhöhte den Schub. „Die Anlage befindet sich in Genève.“
„Geneva also“, sagte Langdon und entspannte sich ein wenig. „Im Norden von New York. Ich habe Verwandte in der Nähe von Seneca Lake. Ich wusste gar nicht, dass es in Geneva eine Forschungseinrichtung gibt.“
Der Pilot lachte. „Nicht Geneva, New York, Mr. Langdon. Genève, Schweiz.“
Langdon benötigte ein paar Sekunden, bis er die Worte des Piloten begriff. „Sie meinen Genf? In der Schweiz?“ Langdons Puls begann zu rasen. „Ich dachte, es wäre nur eine Flugstunde entfernt!“
„Ist es auch, Mr. Langdon.“ Der Pilot kicherte. „Dieser Vogel schafft locker Mach fünfzehn.“

Kapitel 5
Irgendwo in Europa schlängelte sich der Killer durch eine geschäftige Straße. Er war ein kraftvoller, dunkler Mann. Ausgesprochen beweglich. Seine Muskeln fühlten sich noch immer hart an vom Nervenkitzel der zurückliegenden Begegnung.
Alles ist gut gegangen, sagte er sich. Obwohl sein Auftraggeber zu keinem Zeitpunkt sein Gesicht gezeigt hatte, fühlte der Killer sich geehrt, weil er persönlich mit ihm gesprochen hatte. Waren es wirklich erst fünfzehn Tage, seit der Auftraggeber zum ersten Mal Kontakt zu ihm aufgenommen hatte? Der Killer erinnerte sich noch immer an jedes Wort dieses Anrufs.
„Mein Name ist Janus“, hatte der Anrufer gesagt. „Wir sind in gewisser Weise verwandt. Wir haben einen gemeinsamen Feind. Wie ich hörte, kann man Ihre Dienste in Anspruch nehmen.“
„Das kommt ganz darauf an, wen Sie repräsentieren“, hatte der Killer geantwortet.
Der Anrufer sagte es ihm.
„Soll das ein Witz sein?“
„Ich sehe, Sie haben schon von uns gehört“, antwortete der Anrufer.
„Selbstverständlich. Die Bruderschaft ist legendär!“
„Und doch bezweifeln Sie, dass ich bin, wer ich zu sein behaupte?“
„Jedermann weiß, dass die Bruderschaft längst zu Staub zerfallen ist.“
„Eine listige Täuschung. Der gefährlichste Feind ist der, den niemand fürchtet.“
Der Killer war skeptisch. „Die Bruderschaft existiert also noch?“
„Tiefer im Untergrund als je zuvor. Unsere Wurzeln durchdringen alles, was Sie um sich herum sehen ... sogar bis in die heilige Festung unserer erbittertsten Feinde.“
„Unmöglich! Sie sind unverwundbar!“
„Unser Arm reicht weit.“
„Niemand besitzt so viel Einfluss.“
„Sehr bald schon werden Sie mir glauben. Ich habe bereits eine unwiderlegbare Demonstration der Macht der Bruderschaft initiiert. Ein Akt des Verrats soll Ihnen als Beweis gelten.“
„Was haben Sie getan?“
Der Anrufer sagte es ihm. Der Killer riss die Augen auf. „Vollkommen unmöglich!“
Am nächsten Tag hatte auf sämtlichen Zeitungen der Welt die gleiche Schlagzeile geprangt, und der Killer war zum Gläubigen geworden.

Heute, fünfzehn Tage später, hatte sich der Glaube des Killers so verfestigt, dass nicht die Spur eines Zweifels geblieben war. Die Bruderschaft lebt, dachte er. Und heute Nacht wird sie hervortreten, um ihre wahre Macht zu demonstrieren.
Während er sich durch die belebten Straßen bewegte, funkelten seine schwarzen Augen voller Vorfreude. Eine der geheimsten und gefürchtetsten Bruderschaften in der Geschichte der Menschheit hatte ihn gerufen, um ihr zu dienen. Sie haben eine kluge Wahl getroffen, dachte er. Seine Diskretion wurde nur noch von seiner tödlichen Effizienz übertroffen.
Bisher hatte er zu ihrer vollsten Zufriedenheit gearbeitet. Er hatte das Zielobjekt ausgeschaltet und Janus den verlangten Gegenstand geliefert. Jetzt war es an Janus, seinen Einfluss zu nutzen, um für die richtige Platzierung des Gegenstands zu sorgen.
Die Platzierung ...

Der Killer fragte sich, wie Janus eine derart schwierige Aufgabe vollbringen wollte. Der Mann hatte offensichtlich Verbindungen nach drinnen. Die Macht der Bruderschaft schien grenzenlos.
Janus, dachte der Killer. Ein Kodename, ohne Zweifel. War es, so fragte er sich, eine Anspielung auf jenen römischen Gott mit den zwei Gesichtern ... oder den Mond des Saturn? Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Janus verfügte über unvorstellbare Macht. Das hatte er über jeden Zweifel hinaus bewiesen.
Der Killer bewegte sich durch die Straßen, und er stellte sich vor, wie seine Vorfahren zu ihm herablächelten. Heute kämpfte er ihre Schlacht, kämpfte gegen den gleichen Feind, den sie seit Menschengedenken bekämpft hatten, seit dem elften christlichen Jahrhundert ... als die Kreuzfahrerarmeen zum ersten Mal sein Land geplündert, sein Volk vergewaltigt und getötet, es für unrein erklärt und seine Tempel und Götter entweiht hatten.

Seine Ahnen hatten eine kleine, tödliche Armee aufgestellt, um sich zu verteidigen. Sie waren im ganzen Land als Beschützer berühmt geworden – erbarmungslose Vollstrecker, die umhergestreift waren und jeden Feind niedergemetzelt hatten, der ihnen begegnet war. Sie waren nicht nur für die brutalen Morde berüchtigt gewesen, sondern auch dafür, dass sie ihre Siege im Drogenrausch gefeiert hatten. Ihre Droge war ein starkes Gift, das sie hashish nannten.

Als ihr Ruf sich über das gesamte Land ausbreitete, erhielten die tödlichen Kämpfer einen Namen: Hashishin. Wörtlich bedeutete er „Anhänger des hashish“. Das Wort Hashishin wurde in fast jedem Land der Erde zu einem Synonym für den Tod. Es war auch heute noch in Gebrauch ... doch wie die Kunst des Tötens, so hatte auch das Wort eine Entwicklung durchlaufen.
Es lautete nun Assassine.
 

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2. Sakrileg

Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Piet van Poll

Prolog -- Der Louvre, Paris -- 22.46 Uhr
In der Grande Galerie stürzte Jacques Saunière, der Museumsdirektor, zu einem der kostbaren alten Meister, einem Caravaggio, klammerte sich an den schweren Goldrahmen und hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran, bis das Gemälde sich von seiner Aufhängung löste. Die Leinwand beulte sich aus, als sie den rückwärts fallenden siebenundsechzigjährigen Gelehrten unter sich begrub.

Augenblicke später fuhr ganz in der Nähe mit dröhnendem Krachen das stählerne Sicherheits-Trenngitter herunter. Der Parkettboden bebte unter der Wucht des Aufpralls. Irgendwo in der Ferne schrillte eine Alarmglocke.
Saunière rang keuchend nach Atem. Wenigstens bist du noch am Leben … Er kroch unter der Leinwand hervor, ließ den Blick schweifen, suchte in der höhlenartigen Galerie nach einem Versteck …
„Bleiben Sie, wo Sie sind!“ Die Stimme war eiskalt und erschreckend nahe.
Der Direktor hielt inne und drehte langsam den Kopf. Noch immer kauerte er auf allen vieren am Boden.
Keine fünf Meter entfernt spähte sein Angreifer durch die stählernen Gitterstäbe zu ihm hinein, ein Hüne mit gespenstisch blasser Haut, schütterem weißen Haar, rosa Augen und dunkelroten Pupillen. Er zog eine Pistole aus der Manteltasche. Der Albino richtete die Waffe durch die Gitterstäbe auf den Direktor. „Sie hätten nicht wegrennen dürfen“, sagte er. Sein Akzent war schwer einzuordnen. „Sagen Sie mir jetzt, wo es ist.“
„Ich … ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich nicht weiß, wovon Sie reden!“, stieß der Direktor hervor, der hilflos auf dem Boden kniete, dem Fremden schutzlos ausgeliefert.
„Sie lügen!“ Der Mann starrte Saunière an. Er stand völlig unbewegt da. In seinen Augen loderte ein gefährliches Feuer. „Sie und Ihre Bruderschaft besitzen etwas, das Ihnen nicht gehört.“
Dem Direktor brach der Schweiß aus. Wie kann der Mann das wissen?
„Heute Nacht werden die wahren Wächter wieder ihr Amt übernehmen. Sagen Sie mir, wo es versteckt ist, wenn Sie am Leben bleiben wollen.“ Der Albino legte auf Saunière an. „Lohnt es sich, für dieses Geheimnis zu sterben?“
Saunière stockte der Atem.

Den Kopf schief gelegt, visierte der Mann über den Lauf seiner Waffe.
Saunière hob abwehrend die Hände. „Warten Sie …“, sagte er zögernd. „Ich werde Ihnen verraten, was Sie wissen wollen.“ Die nächsten Sätze des Direktors waren bedächtig und wohl formuliert. Das Lügenkonstrukt, das er nun ausbreitete, hatte er immer wieder eingeübt – und jedes Mal gebetet, nie Gebrauch davon machen zu müssen.
Der Mann quittierte die Geschichte mit einem zufriedenen Lächeln. „Genau das haben die anderen mir auch erzählt.“
Saunière zuckte zusammen. Die anderen?
„Ich habe sie alle aufgespürt“, sagte der hünenhafte Fremde selbstgefällig. „Alle drei. Sie haben mir bestätigt, was Sie mir gerade erzählt haben.“
Unmöglich! Die wahre Identität des Museumsdirektors und seiner drei Seneschalle wurde nicht weniger streng geheim gehalten wie das uralte Geheimnis, das sie hüteten. In strikter Befolgung des verabredeten Protokolls hatten die Seneschalle vor ihrem gewaltsamen Tod die gleiche Lüge aufgetischt.
„Wenn Sie tot sind, werde ich als Einziger die Wahrheit kennen“, sagte der Albino und richtete die Pistole auf Saunières Kopf.
Die Wahrheit. Schlagartig begriff der Direktor, wie schrecklich verfahren die Situation wirklich war. Wenn du stirbst, ist die Wahrheit für immer verloren. Instinktiv versuchte er, sich in Sicherheit zu bringen.
Die Waffe dröhnte. Der Museumsdirektor spürte eine sengende Hitze in der Magengegend, als die Kugel ihn traf. Der Schmerz riss ihn von den Füßen. Er fiel vornüber. Langsam rollte er sich auf die Seite. Sein Blick suchte den Angreifer außerhalb der Gitters.
Der Mann legte auf Saunières Kopf an.
Saunière schloss die Augen. In seinem Hirn tobte ein Wirbelsturm aus Angst und Reue, Trauer und Bitterkeit.
Ein metallisches Klicken hallte durch die Grande Galerie, als das Magazin leer geschossen war. Saunière riss die Augen auf.
Der Hüne betrachtete die Waffe mit einem beinahe erheiterten Blick. Er wollte ein neues Magazin aus der Manteltasche ziehen, zögerte aber plötzlich. „Nein“, sagte er mit einem höhnischen Blick auf die Magengegend seines Opfers. „Ich glaube, ich bin hier fertig.“

Saunière sah an sich herunter. Eine Handbreit unter dem Brustbein hatte das Projektil ein Loch in seine blütenweiße Hemdbrust gestanzt, dessen Ränder sich rasch rot verfärbten. Der Magen. Grausamerweise hatte die Kugel das Herz verfehlt. Als Veteran des Algerienkriegs hatte Saunière oft genug den quälend langsamen Tod miterlebt, den eine solche Wunde verursacht. Von dem Moment an, wo die Magensäure in die Brusthöhle sickerte und den Körper allmählich von innen vergiftete, hatte er noch fünfzehn Minuten zu leben.
„Schmerz adelt“, sagte der hünenhafte Albino.
Dann war er verschwunden.
Jacques Saunière betrachtete das Stahlgitter. Er saß in der Falle. Es war unmöglich, das Gitter innerhalb der nächsten zwanzig Minuten zu öffnen. Bis jemand hereinkommen konnte, war er längst tot. Gleichwohl bedrängte ihn eine weitaus größere Angst als die vor dem eigenen Ende.
Du darfst nicht zulassen, dass das Geheimnis verloren geht!
Während er sich taumelnd aufrappelte, hielt er sich das Bild seiner ermordeten Mitbrüder vor Augen. Er dachte an die vielen Generationen, die ihnen vorangegangen waren … und an die ihnen anvertraute Sendung.
Eine lückenlose Kette des Wissens.
Trotz aller Vorkehrungen, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen war Jacques Saunière unvermutet zum letzten Glied der Kette geworden, der letzte Wahrer eines der mächtigsten Geheimnisse, die es je gegeben hat.
Er schauderte. Du musst dir etwas einfallen lassen.
Es gab nur einen Menschen auf der Welt, an den er die Fackel weiterreichen konnte, während er hier in der Grande Galerie in der Falle saß. Saunière betrachtete die Wände seines prächtigen Gefängnisses. Die weltberühmten Gemälde schienen auf ihn herabzulächeln wie alte Freunde.
In einem immer dichteren Nebel aus Schmerz mobilisierte er die letzten Kräfte. Die schwierige Aufgabe, die vor ihm lag, würde jede Sekunde der wenigen Zeit beanspruchen, die ihm noch blieb.

1. Kapitel
Robert Langdon erwachte nur langsam, als käme er aus tiefer Schwärze hinauf ans Licht.
Ein Telefon klingelte schrill. Im Dunkeln tastete Langdon nach dem Schalter der Nachttischlampe. Das Licht flammte auf. Blinzelnd ließ er den Blick durch das herrschaftliche Renaissance-Schlafzimmer mit den antiken Möbeln, dem mächtigen Mahagoni-Himmelbett und dem handgemalten Fresko an der Wand schweifen.
Wo bist du?
Am Bettpfosten hing ein Jacquard-Bademantel mit der Aufschrift Hotel Ritz, Paris.
Langsam lichtete sich der Nebel um Langdons Hirn.
Langdon hob den Hörer ab. „Hallo?“
„Monsieur Langdon?“, sagte eine männliche Stimme. „Ich habe Sie hoffentlich nicht geweckt?“
Langdon schaute benommen auf die Uhr neben dem Bett. Zweiunddreißig Minuten nach eins. Er hatte erst eine Stunde geschlafen und war todmüde.
„Hier ist die Rezeption. Ich bedaure die Störung, Monsieur, aber Sie haben Besuch. Der Herr sagt, es sei äußerst dringend.“
Langdon war immer noch nicht richtig wach. Besuch?
Sein Blick fiel auf ein zerknittertes Blatt Papier mit einer Programmankündigung auf dem Nachttisch.

DIE AMERIKANISCHE UNIVERSITÄT IN PARIS
lädt ein zu einem Vortragsabend mit
PROFESSOR ROBERT LANGDON
Dozent für religiöse Symbolologie
an der Harvard-Universität

Langdon stöhnte auf. Sein heutiger Diavortrag über heidnisches Symbolgut in den Steinmetzarbeiten der Kathedrale von Chartres war ein paar konservativen Geistern offenbar gegen den Strich gegangen. Vermutlich hatten sie ihn ausfindig gemacht und wollten ihm jetzt zeigen, was eine Harke ist.
„Tut mir Leid“, sagte Langdon, „ich bin todmüde …“
„Gewiss, Monsieur“, sagte der Mann am Empfang, um dann in beschwörendem Flüsterton fortzufahren: „Aber bei Ihrem Besucher handelt es sich um eine wichtige Persönlichkeit!“
Langdon hatte es nicht anders erwartet. Seine Veröffentlichungen über christliche Ikonographie und die Symbole religiöser Kulte hatten ihm in kunstinteressierten Kreisen zu einer gewissen Prominenz verholfen, ganz zu schweigen von dem gewaltigen Aufsehen, das seine Verwicklung in einen Zwischenfall im Vatikan erregt hatte, der vor einiger Zeit durch sämtliche Medien gegangen war. Seither gaben sich Historiker und Kunstkenner, die allesamt von ihrer Wichtigkeit überzeugt waren, bei ihm die Klinke in die Hand.

„Seien Sie bitte so nett und lassen Sie sich von dem Herrn Name und Telefonnummer geben“, sagte Langdon, um ausgesuchte Höflichkeit bemüht. „Vor meiner Abreise aus Paris am Donnerstag melde ich mich bei ihm. Danke.“ Er legte auf, bevor der Mann am Empfang Einwände erheben konnte.
Langdon hatte sich inzwischen aufgesetzt. Stirnrunzelnd betrachtete er die Broschüre Für unsere verehrten Gäste neben dem Bett. Hotel Ritz – schlafen wie Gott in Frankreich in der Lichterstadt Paris, lockte das Titelblatt. Langdons Blick schweifte zu dem hohen Ankleidespiegel an der gegenüberliegenden Wand. Er hatte Mühe, in dem müden, zerzausten Zeitgenossen, der ihm von dort entgegenstarrte, sich selbst zu erkennen.
Du solltest mal Urlaub machen, Robert.

Die Erlebnisse im letzten Jahr hatten ihm arg zugesetzt, doch den Beweis dafür nun im Spiegel zu sehen gefiel ihm gar nicht. Seine sonst so klaren blauen Augen sahen trüb und müde aus, und ein dunkler Stoppelbart umwölkte sein ausgeprägtes Kinn mit dem Grübchen. Die grauen Strähnen an den Schläfen waren auf einem unaufhaltsamen Vormarsch in sein dichtes, gewelltes schwarzes Haar. Nach Aussage seiner Kolleginnen unterstrich das Grau Langdons „akademische Erscheinung“, doch er wusste es besser.
Wenn die Redakteure vom Boston Magazine dich jetzt sehen könnten.
Sehr zu seiner Verlegenheit hatte ihn im vergangenen Monat das Boston Magazine zu einer der „zehn faszinierendsten Persönlichkeiten der Stadt“ gekürt – eine zweifelhafte Auszeichnung, die Langdon zur notorischen Zielscheibe der Spötteleien seiner Kollegen in Harvard gemacht hatte. Heute Abend, anlässlich des Vortrags, hatte ihn sein Ehrentitel fast sechstausend Kilometer von zu Hause entfernt eingeholt.

„Meine Damen und Herren“, hatte die Gastgeberin vor voll besetztem Haus in der Amerikanischen Universität im Pariser Pavillon Dauphine erklärt, „den Gast unseres heutigen Abends brauche ich Ihnen wohl kaum besonders vorzustellen. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter ›Die Symbolik der Geheimsekten‹, ›Die Kunst der Illuminati‹ sowie ›Ideogramme, eine untergegangene Sprache‹. Und wenn ich dem noch hinzufüge, dass er Autor des Buches über ›Die Bilderwelt der Religionen‹ ist, meine ich das im Wortsinn. Viele von Ihnen verwenden seine Werke als Lehrbücher im Unterricht, wie ich weiß.“
Die Studenten im Publikum nickten.

„Ich hatte eigentlich vor, Sie zur Einführung mit Mr Langdons beeindruckendem Lebenslauf vertraut zu machen, jedoch…“, die Gastgeberin streifte Langdon, der bereits auf dem Podium Platz genommen hatte, mit einem amüsierten Blick, „jemand aus dem Publikum hat mir eine wesentlich faszinierendere Einführung zugänglich gemacht, wenn ich einmal so sagen darf.“ Sie hielt ein Exemplar des Boston Magazine in die Höhe.

Langdon zuckte zusammen. Wie, zum Teufel, ist sie an die Zeitung gekommen?
Während die Gastgeberin begann, Auszüge des schwachsinnigen Artikels zum Besten zu geben, sank Langdon immer tiefer in den Stuhl. Schon nach kaum dreißig Sekunden grinste bereits das gesamte Auditorium, doch die Dame kannte keine Gnade. „’… und Mr Langdons Weigerung, sich in der Öffentlichkeit über die Aufsehen erregende Rolle zu äußern, die er beim letzten vatikanischen Konklave gespielt hat, verschafft ihm durchaus einige zusätzliche Punkte auf unserer Beliebtheitsskala.’“
Die Gastgeberin blickte erwartungsvoll ins Publikum. „Möchten Sie noch mehr hören?“
Heftiges Nicken. Laute Rufe. Beifall.
Warum dreht ihr keiner den Hals um?, fragte Langdon sich vergeblich, während die Gastgeberin sich wieder über den Artikel hermachte.
„’Auch wenn Professor Langdon im Gegensatz zu einigen unserer jüngeren Auszeichnungsträger nicht als übermäßig attraktiv bezeichnet werden kann, verfügt der Mittvierziger durchaus über ein gerüttelt Maß an Intellektuellen-Appeal. Sein samtener Bariton tut ein Übriges, seine gewinnende Ausstrahlung zu unterstreichen – eine Stimme, die von Professor Langdons Hörerinnen gern als Schokolade fürs Gehör apostrophiert wird …’“
Die Zuhörer brachen in Gelächter aus.

Langdon lächelte gequält. Er hatte geglaubt, sich auf sicherem Terrain zu befinden, wo er sich endlich wieder in seinem geliebten Jackett aus Harris Tweed und Rollkragenpullover zeigen konnte, doch der Artikelschreiber würde sogleich mit dem unsäglichen Satz vom „Harrison Ford in Harris Tweed“ aufwarten. Es war Zeit, etwas zu unternehmen.
Langdon erhob sich schwungvoll. „Vielen Dank, Monique. Das Boston Magazine hat offenbar einen unglücklichen Hang zur Dichtkunst“, sagte er und komplimentierte die Dame vom Podium herunter. „Und wenn ich herausfinde, wer Ihnen diesen Artikel zugesteckt hat, werde ich den Übeltäter von unserer Botschaft zwangsrepatriieren lassen.“
Das Publikum reagierte mit lautstarker Heiterkeit.
„Meine Damen und Herren“, sagte er zum Auditorium, „wie Sie alle wissen, steht heute Abend mein Vortrag über die Macht der Symbole auf dem Programm …“

Das Klingeln von Langdons Zimmertelefon platzte erneut in die Stille. Seufzend hob er ab. „Ja?“
Es war wieder der Mann am Empfang. „Monsieur Langdon, ich muss mich abermals entschuldigen, aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihr Besucher sich bereits auf dem Weg zu Ihrem Zimmer befindet. Ich hielt es für angebracht, Sie davon in Kenntnis zu setzen.“

Langdon war auf einen Schlag hellwach. „Sie haben den Herrn zu meinem Zimmer geschickt?“
„Ich bitte um Entschuldigung, Monsieur, aber der Herr … meine Befugnisse reichen nicht so weit, dass ich ihn aufhalten könnte.“
„Um wen handelt es sich denn?“
Doch der Mann am Empfang hatte bereits aufgelegt.
Beinahe im gleichen Augenblick pochte eine Faust an Langdons Tür.
Langdon rutschte aus dem Bett. Seine Zehen versanken in der Tiefe des Bettvorlegers. Er warf den Hotelbademantel über und ging zur Tür. „Wer ist da?“
„Monsieur Langdon, ich muss mit Ihnen reden!“ Der Mann sprach Englisch mit ausgeprägtem Akzent. Seine Stimme war laut, abgehackt und befehlsgewohnt. „Ich bin Leutnant Jérome Collet, Direction Centrale Police Judiciaire.“
Langdon schluckte. Die Staatspolizei? Das DCPJ entsprach in etwa dem amerikanischen FBI.
Langdon öffnete die Tür einen Spalt, ließ die Kette aber vorgelegt. Er sah ein schmales, ausgezehrtes Gesicht. Es gehörte einem ungewöhnlich hageren Mann in einer amtlich aussehenden blauen Uniform.
„Lassen Sie mich bitte eintreten!“
Langdon zögerte. Der Blick der fahlen Augen des Fremden verunsicherte ihn. „Worum geht es?“
„Mein Capitaine wünscht in einer Privatangelegenheit Ihren fachlichen Rat einzuholen.“
„Jetzt?“, wandte Langdon müde ein. „Es ist schon nach Mitternacht!“
„Bin ich recht informiert, dass Sie mit dem Direktor des Louvre heute Abend eine Verabredung hatten?“
Langdon fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich. Er war nach dem Vortrag mit dem hoch geachteten Museumsdirektor Jacques Saunière auf einen Drink verabredet gewesen, doch Saunière war nicht erschienen. „Ja, das stimmt. Woher wissen Sie das?“
„Wir haben Ihren Namen in seinem Terminkalender gefunden.“
„Ist ihm etwas zugestoßen?“
Mit einem Unheil verkündenden Seufzer schob der Beamte einen Polaroid-Schnappschuss durch den Türspalt. Als Langdons Blick auf das Foto fiel, erstarrte er.
„Dieses Bild wurde vor knapp einer Stunde aufgenommen. Im Louvre.“
Langdon betrachtete das erschreckende, bizarre Foto. Sein anfänglicher Schock und der Ekel wichen einem jäh aufwallenden Zorn. „Wer ist zu so einer Scheußlichkeit fähig?“
„Wir haben gehofft, Sie könnten uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen, zumal Sie sich mit Symbolen bestens auskennen und mit Saunière verabredet waren.“

Langdon konnte den Blick nicht von dem Foto wenden. Zu seinem Entsetzen gesellte sich panische Angst. Das Bild, das eine grauenvolle und äußerst merkwürdige Szenerie zeigte, erweckte in ihm das unbestimmte Gefühl eines Déjà-vu. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er schon einmal das Foto einer Leiche erhalten – samt einem ähnlichen Hilfsgesuch. Vierundzwanzig Stunden später hatte er sich in der Vatikanstadt befunden und war mit knapper Not dem Tod entronnen. Diesmal sah das Foto zwar anders aus, doch die Szenerie hatte etwas beunruhigend Vertrautes.
Der Beamte schaute auf die Uhr. „Mein Capitaine wartet auf uns, Monsieur.“
Langdon hörte kaum hin. Sein Blick war wie gebannt auf das Bild gerichtet.
„Dieses Symbol hier und die Haltung der Leiche, diese merkwürdige …“
„Verrenkung?“, vollendete der Beamte den Satz.
Langdon nickte und hob den Blick. Er fröstelte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand dazu kommt, einen Menschen in einer solchen Körperhaltung sterben zu lassen.“
Der Beamte schaute Langdon finster an. „Monsieur Langdon, Sie haben noch immer nicht begriffen. Was Sie hier sehen“, er zögerte und deutete auf das Foto, „ist das Werk von Monsieur Saunière selbst.“

2. Kapitel
Knapp zwei Kilometer entfernt humpelte der riesenhafte Albino mit Namen Silas durch die Eingangstür eines luxuriösen Sandsteingebäudes in der Rue La Bruyère. Die Stachel des Bußgürtels, den er um den Oberschenkel trug, bohrten sich in sein Fleisch, doch seine Seele jubelte vor freudiger Genugtuung, weil er dem HERRN dienen durfte.
Schmerz adelt.

Beim Eintreten ins Ordenshaus huschte der Blick seiner roten Augen durch den Eingangsbereich. Keiner da. Leise stieg Silas die Treppe hinauf, um keinen der Mitbewohner zu wecken. Seine Zimmertür war unverschlossen – Schlösser waren hier verpönt. Er betrat sein Zimmer und schob die Tür hinter sich wieder zu.
Der Raum war spartanisch eingerichtet: Parkettboden, eine schlichte Kommode aus Fichtenholz, in einer Ecke eine Segeltuchmatte als Liegestatt. Silas war diese Woche hier zu Gast, doch in New York hatte er lange Jahre mit Freuden in einer ähnlichen Unterkunft gehaust.

Der HERR hat dir Unterschlupf gewährt und deinem Leben einen Sinn gegeben.
Heute Nacht konnte Silas endlich damit beginnen, seine Schuld abzutragen. Er zog die Schubfächer der Kommode auf. In der untersten Schublade fand er das Handy, unter ein paar Kleidungs-stücken versteckt, und wählte die Nummer.
„Ja?“, meldete sich eine männliche Stimme.
„Verehrter Lehrer, ich bin wieder zurück.“
„Reden Sie“, forderte die Stimme ihn auf – nicht ohne einen zufriedenen Unterton, dass Silas sich gemeldet hatte.
„Sie sind alle vier beseitigt. Die drei Seneschalle und der Großmeister.“
Eine kurze Pause entstand, als würde der Angerufene ein Stoßgebet zum Himmel schicken. „Dann gehe ich davon aus, dass Sie die Information bekommen haben.“
„Ja. Von allen die gleiche. Unabhängig voneinander.“
„Und Sie haben ihnen geglaubt?“
„Für einen Zufall war die Übereinstimmung viel zu groß.“
Der Angerufene stieß in hörbarer Erregung die Luft aus. „Ausgezeichnet! Ich hatte schon befürchtet, wir könnten an der Geheimhaltungstechnik der Bruderschaft scheitern.“
„Die Aussicht auf den eigenen Tod ist eine starke Motivation.“
„Dann sagen Sie mir, mein Schüler, was ich wissen möchte.“
Silas wusste, dass die Information, die er seinen Opfern entlockt hatte, wie ein Schock wirken würde. „Alle vier haben mir die Existenz des clef de voûte bestätigt, des legendären Schlusssteins.“ Silas hörte, wie der Lehrer nach Luft schnappte. Er spürte förmlich seine Erregung.
„Der Schlussstein. Genau wie wir vermutet haben.“
Nach der Überlieferung hatte die Bruderschaft eine Art steinerne Landkarte geschaffen – einen clef de voûte, einen Stein mit dem eingravierten Wegweiser zum größten Geheimnis der Bruderschaft, ein Geheimnis von solcher Brisanz, dass die Bruderschaft überhaupt nur zu seinem Schutz existierte.
„Wenn wir uns in den Besitz dieses Steins gebracht haben“, sagte der Lehrer, „brauchen wir nur noch den letzten Schritt zu tun.“
„Wir sind dem näher, als Sie denken. Der Stein liegt hier in Paris.“
„In Paris?“

Silas berichtete dem Lehrer, was an diesem Abend geschehen war … wie alle vier Opfer wenige Augenblicke vor ihrem Tod das Geheimnis ausgeplaudert hatten, um ihr gottloses Leben zu retten. Alle hatten Silas genau das Gleiche erzählt: dass der Stein an einem bestimmten Ort in einer alten Pariser Kirche versteckt sei, der Église de Saint-Sulpice.
„Auch noch in einem Gotteshaus!“, empörte sich der Lehrer. „Sie treiben ihre Scherze mit uns.“
„Wie seit Jahrhunderten schon.“

Der Lehrer verfiel in Schweigen. Er schien den Triumph des Augenblicks bis zur Neige auskosten zu wollen. „Sie haben Gott einen großen Dienst erwiesen“, sagte er schließlich. „Wir haben Jahrhunderte auf diesen Augenblick gewartet. Sie müssen mir sofort den Stein herbeischaffen. Noch heute Nacht. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.“
Das wusste Silas nur zu gut, doch was der Lehrer jetzt von ihm verlangte, war schlichtweg unmöglich. „Aber die Kirche ist wie eine Festung, zumal bei Nacht. Wie soll ich da hineinkommen?“
Mit der zuversichtlichen Stimme eines Mannes, der sich in einflussreichsten Kreisen bewegt, erklärte der Lehrer das weitere Vorgehen.

Als Silas das Handy ausschaltete, zitterte er vor gespannter Erwartung am ganzen Körper.
In einer Stunde. Er war dankbar, dass der Lehrer ihm noch Zeit für die Bußübung gelassen hatte, die vor dem Betreten eines Gotteshauses unerlässlich war. Du musst deine Seele von den Sünden des heutigen Tages reinigen. Heute hatte Silas für einen geheiligten Zweck gesündigt. Gegen die Feinde Gottes waren immer schon Gräueltaten verübt worden. Silas war die Vergebung gewiss.

Doch es gab keine Absolution ohne Buße.

Silas zog die Vorhänge vor. Er entkleidete sich und kniete in der Mitte des Zimmers nieder. Sein prüfender Blick schweifte zum Bußgürtel, der sich eng um seinen Oberschenkel schloss. Jeder Adept des Wahren Weges trug ihn – ein ledernes Band mit aufgenieteten Stacheln aus Metall, die sich zur ständigen Erinnerung an die Leiden Christi schmerzhaft ins Fleisch bohrten. Der Schmerz bewirkte zudem die wohltuende Abtötung fleischlicher Gelüste.

Silas hatte sich an diesem Tag schon länger als die vorgeschriebenen zwei Stunden mit dem Band kasteit, aber heute war kein gewöhnlicher Tag. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er den Bußgürtel noch ein Loch enger, atmete tief aus und genoss den läuternden Schmerz.

„Schmerz adelt“, flüsterte er und wiederholte damit die heilige Formel von Pater Josemaría Escrivá, Lehrer aller Lehrer. Escrivá war 1975 gestorben, doch seine Weisheit lebte fort. Tausende gläubiger Diener auf der ganzen Welt flüsterten noch immer seine Worte, wenn sie zur heiligen Bußübung der Selbstkasteiung niederknieten.
Ein dicker Strick mit hineingeknüpften Knoten lag säuberlich aufgerollt neben Silas auf dem Boden. Die Geißel. Die Knoten starrten von eingetrocknetem Blut. Silas sehnte sich nach der reinigenden Wirkung der Pein. Nach einem kurzen Gebet ergriff er das Ende der Geißel, schloss die Augen und peitschte den Knotenstrick mit geübter Bewegung in frommer Selbstgeißelung über die Schulter auf seinen Rücken. In rhythmischer Monotonie hieb er auf sein Fleisch ein.
Castigo corpus meum.
Endlich spürte er das Blut fließen.

3. Kapitel
Die frische Luft des April pfiff durch das offene Seitenfenster in den Citroën ZX, der mit Robert Langdon auf dem Beifahrersitz in südlicher Richtung zuerst am Opernhaus vorbei und dann über den Place Vendôme raste, wobei er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Eine kurze Dusche und eine schnelle Rasur hatten einen halbwegs vorzeigbaren Menschen aus ihm gemacht, aber wenig dazu beigetragen, seine ängstliche Unruhe zu dämpfen. Das grässliche Bild der Leiche des Museumsdirektors hatte sich in sein Gehirn eingebrannt.
Jacques Saunière … tot!

Langdon empfand den Tod des Museumsdirektors als schweren Verlust. Saunière galt zwar als Einzelgänger, doch als anerkannter Gelehrter und Liebhaber der Kunst konnte er sich über mangelnde Ehrungen nicht beklagen. Seine Veröffentlichungen über die Geheimbotschaften in den Gemälden Poussins und Teniers’ gehörten zu Langdons bevorzugtem Unterrichtsmaterial. Langdon hatte sich von dem abendlichen Treffen mit Saunière sehr viel versprochen. Als der Museumsdirektor nicht erschien, war seine Enttäuschung groß gewesen.

Wieder schoss ihm das Bild von Saunières Leiche durch den Kopf. Das soll Saunières eigenes Werk gewesen sein? Langdon blickte zum Fenster hinaus und zwang sich, nicht mehr an den grässlichen Anblick zu denken.
Draußen legte sich allmählich der Trubel der Stadt. Fliegende Händler schoben ihre Verkaufswagen nach Hause, Kellner schafften volle Müllsäcke an den Straßenrand, ein Liebespaar hielt sich eng umschlungen, um im Nachtwind, der nach Jasmin duftete, nicht zu frösteln. Der Citroën fuhr mit hoher Geschwindigkeit sicher durch das Gewühl, das sich vor dem schrillen Zweiklanghorn spaltete wie Butter unter einem heißen Messer.

„Le Capitaine hat mit Zufriedenheit festgestellt, dass Sie noch in Paris sind“, ergriff der Beamte zum ersten Mal seit der Abfahrt vom Hotel das Wort. „Ein glücklicher Zufall.“
Langdon war über diesen Zufall alles andere als glücklich; ohnehin hielt er nicht viel von Zufällen. Als ein Mann, der sein Leben der Erforschung verborgener Verbindungen von anscheinend völlig zusammenhangslosen Emblemen und Zeichen verschrieben hatte, betrachtete Langdon die Welt als ein Geflecht vielfältig vernetzter Ereignisse und Geschichten. Die Verbindungen mögen unsichtbar sein, pflegte er den Studenten in seinen Seminaren über Symbolologie an der Harvard-Universität zu predigen, aber es gibt sie trotzdem. Man muss nur ein bisschen an der Oberfläche kratzen.
„Ich nehme an, die Amerikanische Universität in Paris hat Ihnen gesagt, wo ich zu finden bin“, sagte Langdon.
Der Fahrer schüttelte den Kopf. „Nein. Interpol.“

Interpol?, dachte Langdon. Ach ja, natürlich. Er hatte ganz vergessen, dass das in europäischen Hotels übliche und anscheinend so belanglose Vorzeigen des Passes bei der Anmeldung mehr war als bloß eine lästige Formalität. In jeder beliebigen Nacht konnten die Beamten von Interpol genau sagen, wer wo in Europa nächtigte. Es hatte vermutlich nicht einmal fünf Sekunden gedauert, um Langdon im Ritz aufzuspüren.

Während der Citroën in südlicher Richtung durch die Stadt brauste, erschien rechts in der Ferne die himmelstürmende Silhouette des beleuchteten Eiffelturms. Langdon musste an Vittoria denken und das spielerische Versprechen auf ein Wiedersehen alle sechs Monate irgendwo auf der Welt an einem romantischen Ort – ein Versprechen, das sie sich damals vor einem Jahr gegeben hatten. Nach Langdons Einschätzung hatte der Eiffelturm gute Aussichten, in die nähere Auswahl zu kommen. Leider war seit dem letzten Kuss auf einem lärmenden römischen Flughafen über ein Jahr vergangen.
„Schon mal oben gewesen?“, sagte der Beamte mit einem Seitenblick auf Langdon.
Langdon fuhr aus seinen Gedanken hoch. „Wie bitte?“
Der Beamte zeigte durch die Windschutzscheibe auf den Eiffelturm. „Schon mal da oben gewesen?“
Langdon verdrehte die Augen. „Nein.“
„Er ist das Wahrzeichen Frankreichs. Einfach perfekt.“
Langdon nickte abwesend. Unter Symbolologen war es ein Treppenwitz, dass Frankreich – ein Land, das unter anderem für Machotum, Schürzenjägerei und kleinwüchsige Führerpersönlichkeiten wie Napoleon und Pippin den Kurzen bekannt war – kein passenderes nationales Wahrzeichen hätte wählen können als einen dreihundert Meter großen Phallus.

An der Kreuzung Rue de Rivoli schaltete die Ampel auf Rot, doch der Citroën verringerte das Tempo kein bisschen. Der Beamte jagte die Limousine mit Vollgas über die Kreuzung und in jenen Teil der Rue Castiglione hinein, der als Parkallee weiterführte und den nördlichen Eingang der berühmten Tuileriengärten bildete – für die Pariser das, was der Central Park für die New Yorker ist. Die Touristen bezogen die Bezeichnung Jardin des Tuileries fälschlicherweise meist auf die dort blühende Tulpenpracht, doch das Wort Tuileries leitete sich in Wirklichkeit von etwas viel Prosaischerem ab: An der Stelle des Parks hatte sich einst eine riesige schmutzige Lehmgrube befunden, aus der sich die Pariser Bauunternehmer den Ton für die Herstellung der für die Stadt so typischen roten Dachziegel holten – die tuiles.

Als der Beamte in den verlassenen Park fuhr, stellte er mit einem Griff unters Armaturenbrett das plärrende Martinshorn ab. Aufatmend genoss Langdon die plötzliche Stille. Der Strahl der Halogenscheinwerfer huschte über den kiesbedeckten Parkweg, auf dem die Reifen mit hypnotisierendem Zischen dahinrollten. Langdon hatte die Tuilerien bislang für geheiligten Boden gehalten – hatte nicht Claude Monet in diesen Gärten als Geburtshelfer des Impressionismus mit Form und Farbe experimentiert? Heute jedoch lag eine merkwürdige Aura von drohendem Unheil über diesem Ort.
Der Citroën bog nach links in die Hauptallee auf der Zentral-achse der Parkanlage ein. Nachdem der Fahrer um einen großen Brunnen gekurvt war, steuerte er den Wagen nach Überquerung einer breiten, verlassenen Avenue auf einen weitläufigen rechteckigen Platz. Langdon erkannte den großen steinernen Torbogen, der das Ende der Tuilerien bildete.
Der Arc du Carousel.

Ungeachtet der orgiastischen Feierlichkeiten, die der Arc du Carousel einst gesehen hatte, wurde dieser Platz von Kunstkennern aus einem ganz besonderen Grund geschätzt: Von der Esplanade am Ende der Tuilerien hatte man einen Blick auf vier der großartigsten Museen der Welt, je eines in jeder Himmelsrichtung.
Zum rechten Seitenfenster hinaus sah Langdon im Süden jenseits der Seine am Quai Anatole France die dramatisch beleuchtete Fassade eines ehemaligen Bahnhofs, der heute das berühmte Musée d’Orsay beherbergte. Wenn er sich nach links wandte, konnte er die ultramoderne Dachpartie des Centre Pompidou erkennen, in dem das Museum für Moderne Kunst untergebracht war. Hinter ihm im Westen ragte der berühmte Obelisk des Ramses über die Wipfel der Bäume und bezeichnete den Standort des Musée de Jeu de Paume.

Und genau vor sich erblickte Langdon jetzt durch den Torbogen hindurch den klotzigen Renaissancepalast, der die Heimstätte der berühmtesten Gemäldegalerie der Welt geworden war.
Der Louvre.

Wieder einmal empfand Langdon das ihm inzwischen schon vertraute Staunen, während er versuchte, den gewaltigen Gebäudekomplex in seiner Gesamtheit zu erfassen. Auf der gegenüberliegenden Seite eines Platzes von atemberaubenden Ausmaßen ragte die imposante Fassade des Louvre wie ein Bollwerk in den Pariser Nachthimmel. Der Louvre mit seinem Grundriss eines gigantischen Hufeisens war das längste Gebäude Europas und erstreckte sich über eine größere Länge als drei aneinander gelegte Eiffeltürme. Nicht einmal die nach Tausenden von Quadratmetern messenden Freiflächen zwischen den Museumsflügeln konnten die Wucht der Fassade beeinträchtigen. Langdon hatte einmal einen Spaziergang um den Louvre unternommen. Es war ein Fußmarsch von knapp fünf Kilometern geworden.

Um sämtliche 65.300 Ausstellungsstücke des Louvre gebührend zu bewundern, brauchte der Besucher angeblich fünf Tage, doch die meisten Touristen wählten ein abgekürztes Verfahren, das Langdon als „Louvre Light“ zu bezeichnen pflegte. Dabei wurden die drei berühmtesten Stücke des Museums im Schweinsgalopp abgeklappert: allen voran die Mona Lisa, ferner die Venus von Milo und die geflügelte Nike von Samothrake. Art Buchwald hatte sich einmal ironisch damit gebrüstet, alle drei Meisterwerke in fünf Minuten und sechsundfünfzig Sekunden „gemacht“ zu haben.
Der Fahrer zog ein kleines Sprechfunkgerät heraus und rief zwei knappe Sätze auf Französisch hinein. „Monsieur Langdon est arrivé. Deux minutes.“

Als Antwort drang eine knisternde Folge von Krach- und Zischlauten aus dem Gerät.
Der Beamte steckte den Apparat wieder weg. „Der Capitaine erwartet Sie am Haupteingang“, ließ er Langdon wissen.
Unter Missachtung eines großen Verbotsschildes für Kraftfahrzeuge jeder Art gab der Fahrer Gas und jagte den Citroën über den Bordstein auf den großen Platz. Der Haupteingang des Louvre kam in Sicht. Von sieben aus dreieckigen Brunnenbecken aufsteigenden Leuchtfontänen umgeben, erhob er sich steil im Hintergrund.
La Pyramide.

Der neue Eingang des Pariser Louvre war inzwischen fast schon berühmter als das Museum selbst. Die umstrittene modernistische Glaspyramide des chinesischstämmigen amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei hatte den Zorn der Traditionalisten auf sich gezogen, die geltend machten, sie zerstöre die Würde der Renaissance-Hofanlage. Goethe hatte die Architektur als „gefrorene Musik“ bezeichnet. Die Kritiker apostrophierten Peis Werk demgemäß als „kratzende Kreide auf einer Schiefertafel“. Fortschrittlich gesinnte Bewunderer von Peis knapp zweiundzwanzig Meter hoher transparenter Glaspyramide priesen das Bauwerk hingegen als eine überzeugende Synthese von altehrwürdiger Form und moderner Bautechnik, als symbolisches Verbindungsglied zwischen dem Alten und dem Neuen, als einen Garanten des gelungenen Übergangs des Louvre ins neue Millenium.

„Wie gefällt Ihnen unsere Pyramide?“, wollte der Beamte wissen.
Langdon zog die Stirn kraus. Die Franzosen schienen Freude daran zu haben, Amerikanern mit dieser Frage zu Leibe zu rücken. Es war natürlich eine Fangfrage. Gab man zu, dass einem die Pyramide gefiel, stempelte man sich zum geschmacklosen Amerikaner ab, lehnte man die Pyramide ab, hatte man etwas gegen die Franzosen.
„Mitterand hat Mut bewiesen“, meinte Langdon diplomatisch. Der verstorbene französische Staatspräsident, der den Auftrag zum Bau der Glaspyramide erteilt hatte, hatte angeblich unter einem „Pharaonenkomplex“ gelitten. François Mitterand, der Paris im Alleingang mit ägyptischen Obelisken, Kunstwerken und Artefakten voll gestellt hatte, wurde wegen seiner an Besessenheit grenzenden Vorliebe für die ägyptische Kultur von den Franzosen noch immer „die Sphinx“ genannt.
„Wie heißt Ihr Capitaine eigentlich?“, erkundigte sich Langdon, um das Thema zu wechseln.
„Bezu Fache“, gab der Fahrer Auskunft, während er auf die Eingangspyramide zusteuerte. „Wir nennen ihn le Taureau.“
Mit einem verwunderten Blick auf den Fahrer fragte sich Langdon, ob wohl jeder Franzose einen Spitznamen aus dem Tierreich hatte. „Sie nennen Ihren Vorgesetzten ›den Bullen‹?“
Der Mann hob die Brauen. „Ihr Französisch ist besser, als Sie zugeben, Monsieur Langdon.“
Mein Französisch ist das Letzte, dachte Langdon, dafür kenne ich die Tierkreiszeichen umso besser. Taurus war immer schon – und auf der ganzen Welt – das astrologische Zeichen für den Stier.
Der Beamte bremste ziemlich abrupt und deutete zwischen zwei Fontänen hindurch auf eine große Eingangstür in der Seite der Glaspyramide. „Da hinein, bitte. Viel Glück, Monsieur.“
„Sie kommen nicht mit?“
„Ich habe Befehl, Sie hier abzusetzen. Auf mich warten andere Aufgaben.“
Langdon stieg mit einem Seufzer aus dem Wagen. Mir soll’s recht sein.
Der Beamte trat aufs Gas und jagte davon. Während Langdon den verschwindenden Rücklichtern nachblickte, wurde ihm klar, dass er noch die Chance hatte, zu verschwinden. Er brauchte lediglich quer über den Vorplatz zu gehen, einem Taxi zu winken und sich wieder zu seinem schönen Hotelbett fahren zu lassen. Eine leise innere Stimme warnte ihn, dass es womöglich keine allzu gute Idee war, hier zu bleiben.

Beim Gang durch die Wasserschleier der Fontänen bekam Langdon das ungute Gefühl, das imaginäre Niemandsland zu einer anderen Welt zu überschreiten. Das seltsam Traumhafte, Unwirkliche des bisherigen Abends drängte sich wieder in sein Bewusstsein. Vor zwanzig Minuten noch hatte er wohlig im Hotel in seinem Himmelbett geschlafen, und jetzt stand er vor einer von der „Sphinx“ erbauten Pyramide und wartete auf einen Polizisten, den man den „Bullen“ nannte.
Du bist in ein Gemälde von Salvador Dali geraten, ging es ihm durch den Kopf.
Langdon schritt auf den Haupteingang zu, eine gewaltige Drehtür. Im schwach beleuchteten Foyer dahinter war keine Menschenseele zu sehen.
Ob man hier anklopfen muss?

Langdon fragte sich, ob einer seiner geschätzten Harvardkollegen aus dem Fachbereich Ägyptologie jemals an einer Pyramide angeklopft hatte, in der Hoffnung, dass jemand herauskam. Als er die Hand hob, um gegen das Glas zu pochen, kam eine neandertalerartige Gestalt aus der Dunkelheit die geschwungene Treppe heraufgeeilt, ein untersetzter dunkelhaariger Mann, dessen dunkler Zweireiher sich über den breiten Schultern spannte. Das Handy am Ohr, näherte er sich auf stämmigen Beinen mit kraftvollem, autoritärem Schritt. Er beendete das Gespräch und winkte Langdon herein.

„Bezu Fache“, stellte er sich vor, als Langdon durch die Drehtür trat, „Capitaine der Direction Centrale Police Judiciaire.“ Die Stimme passte zu dem Mann – ein tiefes, kehliges Grollen, das sich wie ein aufziehendes Unwetter anhörte.
Langdon hielt ihm grüßend die Hand entgegen. „Robert Langdon.“
Seine Hand verschwand in Faches Pranke wie in einer hydraulischen Presse.
„Ich habe das Foto gesehen“, sagte Langdon. „Ihr Mitarbeiter sagte mir, Jacques Saunière hätte selbst …“
„Mr Langdon“, fiel Fache ihm ins Wort und nagelte ihn mit dem Blick seiner ebenholzschwarzen Augen fest, „das Foto zeigt nur einen Bruchteil dessen, was Saunière vor seinem Tod mit sich selbst veranstaltet hat.“

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3. Diabolus - Dan Brown

Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt

Prolog -- Plaza de España, Sevilla, Spanien - 11.00 Uhr --
Es heißt, dass sich im Tode alles klärt. Ensei Tankado wusste jetzt, dass die Redensart stimmte. Im Fallen, die Hände an die schmerzende Brust gepresst, erkannte er seinen schrecklichen Fehler.
Besorgte Menschen tauchten in seinem Gesichtsfeld auf, beugten sich über ihn, bemühten sich, ihm zu helfen. Aber Ensei Tankado wollte keine Hilfe – dafür war es jetzt zu spät.
Bebend hob er die linke Hand und streckte die Finger aus. Schaut auf meine Hand! Neugierige Blicke trafen ihn, doch er spürte, dass ihn keiner verstand.
An seinem Finger steckte ein gravierter goldener Ring. Die Schriftzeichen blitzten in der andalusischen Sonne. Es war das letzte Licht, das Ensei Tankado in seinem Leben sah.

Kapitel 1
Sie waren in den Smoky Mountains und lagen in einem Himmelbett ihrer Lieblingspension. David lächelte. „Was meinst du, Liebling? Würdest du mich heiraten?“
Sie blickte zu ihm hoch und wusste, dass er der Richtige war. Für immer und ewig. Während sie in seine tiefgrünen Augen schaute, erhob sich irgendwo in der Ferne ein nervtötendes Gebimmel. Er strebte von ihr fort. Sie streckte die Arme nach ihm aus und griff ins Leere.
Das Geklingel des Telefons riss Susan Fletcher endgültig aus ihrem Traum. Sie holte tief Luft, setzte sich auf und tastete nach dem Hörer. „Hallo?“
„Susan, hier ist David. Habe ich dich geweckt?“
Sie lächelte und drehte sich auf die Seite. „Ich habe gerade von dir geträumt. Komm rüber! Lass uns ein paar hübsche Sachen miteinander machen.“
Er lachte. „Draußen ist’s noch dunkel.“
„Hmmm.“ Sie stöhnte verführerisch. „Dann musst du erst recht rüberkommen. Bevor wir losfahren, ist noch genug Zeit zum Ausschlafen.“
David stieß einen frustrierten Seufzer aus. „Wegen der geplanten Fahrt rufe ich ja an! Wir müssen sie leider verschieben.“
Susan war mit einem Schlag hellwach. „Wie bitte?“
„Es tut mir Leid, aber ich muss verreisen. Morgen bin ich wieder da. Wenn wir uns gleich in aller Herrgottsfrühe auf den Weg machen, haben wir immer noch zwei ganze Tage für uns.“
„Aber ich habe doch schon alles reserviert“, sagte Susan eingeschnappt. „Unser altes Zimmer im Stone Manor!“
„Ich weiß, aber…“
„Der heutige Abend sollte doch ein ganz besonderer Abend werden – zur Feier unserer ersten sechs Monate. Hast du schon vergessen, dass wir verlobt sind?“
Er seufzte. „Susan, ich kann dir jetzt nicht alles erklären. Draußen wartet ein Wagen auf mich. Ich rufe dich vom Flieger aus an und erkläre dir alles.“
„Vom Flieger aus?“, wiederholte sie ungläubig. „Was ist denn los? Wie kommt die Universität dazu, dich …?“
„Es hat mit der Uni nichts zu tun. Ich rufe dich später nochmal an und erkläre dir alles. Jetzt muss ich wirklich los, man ruft schon nach mir. Ich melde mich, versprochen!“
„David!“, schrie sie. „Was soll …?“
Aber David hatte schon eingehängt.
Sie lag noch stundenlang wach und wartete auf den Anruf. Doch das Telefon blieb stumm.

Susan Fletcher saß trübsinnig in der Badewanne. Es war Nachmittag geworden. Sie tauchte im Seifenwasser unter und versuchte, sich Stone Manor und die Smoky Mountains aus dem Kopf zu schlagen. Wo steckt er nur? Warum meldet er sich nicht?
Das heiße Wasser wurde allmählich lau und schließlich kalt. Sie hatte sich gerade entschlossen, aus der Wanne zu steigen, als ihr schnurloses Telefon summte. Susan schoss hoch und griff nach dem Hörer, den sie auf dem Waschbeckenrand abgelegt hatte. Wasser platschte auf den Boden.
„David?“
„Hier spricht Strathmore“, meldete sich eine Stimme.
Ernüchtert sank Susan zurück. „Ach, Sie sind’s.“ Es gelang ihr nicht, die Enttäuschung zu verbergen. „Guten Tag, Commander.“
„Sie hatten wohl mit dem Anruf eines Jüngeren gerechnet?“ Die Stimme klang amüsiert.
„Keineswegs, Sir.“ Die Situation war Susan peinlich. „Ich möchte nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht …“
„Schon passiert.“ Strathmore lachte. „David Becker ist ein prima Kerl. Den sollten Sie sich warm halten.“
„Ja, Sir.“
Die Stimme des Commanders wurde unversehens ernst. „Susan, ich melde mich, weil ich Sie hier im Laden brauche. Pronto.“
Susan versuchte, sich einen Reim auf den Anruf zu machen. „Es ist Samstagnachmittag, Sir. Normalerweise haben wir …“
„Weiß ich“, sagte Strathmore ruhig. „Aber es handelt sich um einen Notfall.“
Susan saß senkrecht in der Wanne. Ein Notfall? Sie hatte dieses Wort noch nie über Commander Strathmores Lippen kommen hören. Ein Notfall? In der Crypto? Es war absolut unvorstellbar. „Ja. Ich komme, so schnell ich kann.“
„Kommen Sie ruhig ein bisschen schneller!“, sagte Strathmore und legte auf.

Als Susan sich ins Badetuch hüllte, fielen Tropfen auf die fein säuberlich zusammengefalteten Kleidungsstücke, die sie am Abend zuvor herausgelegt hatte – Shorts zum Wandern, einen Pullover für die kühlen Abende in den Bergen und die Dessous, die sie extra gekauft hatte. Niedergeschlagen ging sie zum Schrank und holte eine saubere Bluse und einen Rock heraus. Ein Notfall in der Crypto?
Auf der Treppe fragte sie sich, ob der Tag eigentlich noch beschissener werden könnte.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Kapitel 2
Neuntausend Meter über einem spiegelglatten Ozean starrte David Becker bedrückt aus dem kleinen ovalen Fenster des Learjet 60. Das Bordtelefon sei gestört, hatte man ihm gesagt – und damit war der Anruf bei Susan gestorben.
Was tust du hier eigentlich?, fragte er sich – aber die Antwort lag auf der Hand. Es gab eben Leute, denen man so leicht nichts abschlagen konnte.
„Mr Becker?“, knisterte es aus dem Bordlautsprecher. „Wir landen in einer halben Stunde.“
Großartig! Er nickte der unsichtbaren Stimme trübsinnig zu, zog die Jalousie herunter und versuchte, noch ein Nickerchen zu machen. Doch seine Gedanken kreisten um Susan.

Kapitel 3
Vor dem drei Meter hohen und von Stacheldrahtrollen gekrönten Stahlzaun ließ Susan den Wagen ausrollen. Der junge Wachmann trat an ihren Volvo und legte gebieterisch die Hand aufs Autodach.
„Ihren Ausweis, bitte.“
Susan tat wie ihr geheißen und machte sich auf die halbminütige Wartezeit gefasst. Der Wachbeamte zog ihre Ausweiskarte durch das elektronische Lesesystem. Schließlich sah er auf.
„Danke, Miss Fletcher.“ Auf sein kaum wahrnehmbares Nicken schwang das Tor auf.
Einen knappen Kilometer weiter unterzog sich Susan an einem nicht minder abweisenden elektrisch gesicherten Zaun der gleichen Prozedur noch einmal. Nun macht schon, Jungs. Ihr habt mich hier ja erst ein paar Tausend Mal durchkomplimentiert! Sie fuhr am letzten Kontrollpunkt vor. Ein untersetzter Wachmann mit zwei scharfen Hunden und einer Maschinenpistole schaute auf ihr Nummernschild und winkte sie durch. Sie fuhr knapp zweihundertfünfzig Meter auf der Canine Road weiter und bog in den Personalparkplatz C. Nicht zu fassen, dachte sie. Sechsundzwanzigtausend Mitarbeiter und ein Etat von zwölf Milliarden Dollar, aber sie schaffen es nicht, ein einziges Wochenende lang ohne dich zurechtzukommen? Mit einem kurzen Tritt aufs Gaspedal ließ sie den Wagen auf ihren reservierten Parkplatz rollen und stellte den Motor ab.
Nachdem sie den Grünstreifen überquert hatte, betrat sie das Hauptgebäude, passierte zwei weitere Sicherheitskontrollen und gelangte schließlich an den fensterlosen Durchgang, der zu dem neuen Gebäude hinüberführte. Auf einem Hinweisschild stand zu lesen:

National Security Agency (NSA)
Crypto-Abteilung
Für Unbefugte kein Zutritt

Eine Kabine mit einem digitalen Stimmerkennungssystem versperrte den Zugang. Der bewaffnete Wachposten blickte auf. „Tag, Miss Fletcher.“
Susan lächelte matt. „Hallo, John.“
„Ich habe heute gar nicht mit Ihnen gerechnet.“
„Ich auch nicht.“ Sie beugte sich zu dem im Brennpunkt einer kleinen Parabolschüssel angebrachten Mikrofon. „Susan Fletcher“, sagte sie klar und deutlich. Der Computer bestätigte das Frequenzspektrum ihrer Stimme, und die Sperrschranke sprang klickend auf.
Der Wachmann bedachte Susan mit einem bewundernden Blick. Er bemerkte, dass ihre ansonsten so fest dreinblickenden Augen etwas abwesend wirkten, aber ihre Wangen hatten eine rosige Frische, und ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar wirkte frisch geföhnt. Ein zarter Duft von Johnson’s Babypuder umwehte sie. Der Blick des Wachmanns glitt an ihrem schlanken Oberkörper herab, registrierte den BH unter ihrer weißen Bluse, den knielangen Khakirock und schließlich die Beine… Susan Fletchers Beine.
Kaum zu glauben, dass auf diesen Beinen ein IQ von 170 herumläuft, sinnierte er, während er Susan auf ihrem Weg durch die Betonröhre hinterherstarrte, bis sie in der Ferne verschwunden war. Mit einem ungläubigen Kopfschütteln riss er sich von dem Anblick los.
Als Susan das Ende des Tunnels erreicht hatte, blockierte eine kreisrunde Portalscheibe ihren Weg, auf der in gewaltigen Lettern crypto angeschrieben stand.
Seufzend streckte sie die Hand nach dem in die Wand eingelassenen Tastenfeld aus und gab ihre pin-Nummer ein. Sofort setzte sich die zwölf Tonnen schwere stählerne Türscheibe in Bewegung. Susan versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, aber ihre Gedanken glitten zurück zu David.
David Becker. Der einzige Mann, den sie je geliebt hatte. Als jüngster Inhaber einer Vollprofessur an der Georgetown Universität und Spezialist für Fremdsprachen war er in der akademischen Welt kein Unbekannter mehr. Mit seinem angeborenen fotografischen Gedächtnis und seiner Sprachbegabung hatte er sechs asiatische Idiome mühelos zu beherrschen gelernt, dazu noch Spanisch, Französisch und Italienisch. Seine mit Sachkunde und Begeisterung vorgetragenen Etymologie- und Linguistikvorlesungen waren stets überfüllt, wobei er sich hinterher noch weit über das Ende der Veranstaltung hinaus unverdrossen dem Kreuzfeuer der Fragen zu stellen pflegte. Die bewundernden Blicke der weiblichen Hörerschaft schienen ihm völlig zu entgehen.
Becker war ein eher dunkler, jugendlicher Typ von fünfunddreißig Jahren mit scharf blickenden grünen Augen und nicht minder scharfem Intellekt. Sein markantes Kinn und die straffen Gesichtszüge erinnerten Susan immer an eine antike Marmorstatue. Ungeachtet seiner Größe von weit über eins achtzig flitzte Becker mit einer seinen Kollegen unbegreiflichen Behändigkeit über den Squashcourt. Wenn er dem Gegner eine solide Niederlage verpasst hatte, pflegte er zur Abkühlung den Kopf in einen Trinkwasserspender zu halten, bis das Wasser aus seinem dichten schwarzen Haarschopf troff, um sodann dem geschlagenen Gegner einen Fruchtshake und einen Bagel auszugeben.
Wie alle Jungakademiker bezog auch David Becker kein besonders üppiges Dozentengehalt. Wenn wieder einmal der Mitgliedsbeitrag zum Squash-Club fällig war oder sein alter Dunlopschläger eine neue Bespannung mit Natursaiten nötig hatte, pflegte er von Zeit zu Zeit sein Gehalt mit Übersetzungsaufträgen für die Regierungsbehörden in und um Washington aufzubessern. Bei einem dieser Gelegenheitsjobs war er Susan begegnet.
Als er in den vergangenen Herbstferien an einem frischen Oktobermorgen von seiner regelmäßigen Joggingrunde in sein Dreizimmer-Apartment auf dem Universitätsgelände zurückgekehrt war, hatte der Anrufbeantworter geblinkt. Während er sich den üblichen Liter Orangensaft einverleibte, hatte er den Anruf abgehört. Die Botschaft unterschied sich in nichts von den zahlreichen früheren Anrufen – eine Regierungsbehörde wollte ihn für eine Übersetzungsarbeit im späteren Verlauf des Vormittags ein paar Stunden engagieren. Das einzig Auffallende war, dass Becker noch nie etwas von dieser Behörde gehört hatte.
„Der Verein heißt National Security Agency“, erläuterte Becker den Kollegen, die er Rat suchend angerufen hatte.
Die Antwort war stets die gleiche gewesen. „Du meinst wohl den National Security Council, den Nationalen Sicherheitsrat?“
Becker hatte sicherheitshalber den Anruf noch einmal abgehört. „Nein, sie haben sich mit National Security Agency gemeldet.“
„Noch nie was davon gehört!“
Becker hatte im Verzeichnis der Regierungsbehörden nachgesehen, aber auch dort war die NSA nicht aufgeführt. Schließlich hatte er einen alten Squash-Kumpel angerufen, einen früheren Politikwissenschaftler, der inzwischen eine Stelle bei der Forschungsabteilung der Kongressbibliothek innehatte. Die Ausführungen seines Bekannten hatten ihn ziemlich erschüttert.
Nicht nur, dass es die NSA tatsächlich gab, sie war sogar eine der einflussreichsten staatlichen Organisationen der Welt und hatte seit mehr als einem halben Jahrhundert auf elektronischem Wege nachrichtendienstliche Erkenntnisse gesammelt und gleichzeitig das geheimdienstliche Material der USA vor fremder Spionage geschützt. Lediglich zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung wussten, dass es diese Behörde überhaupt gab.
„NSA“, witzelte der Freund, „ist die Abkürzung von ›niemand soll’s ahnen‹.“
Mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen hatte Becker den Auftrag der mysteriösen Behörde angenommen. Er war gut fünfzig Kilometer weit zu dem über dreieinhalbtausend Hektar großen NSA-Hauptquartier hinausgefahren, das sich diskret in den bewaldeten Hügeln von Fort Meade in Maryland verbarg. Nach schier endlosen Sicherheitskontrollen hatte man ihm einen auf sechs Stunden ausgestellten holographischen Besucherausweis ausgehändigt und ihn in eine üppig ausgestattete Forschungseinrichtung geführt. Dort wurde ihm eröffnet, die Kryptographen – ein Eliteteam von mathemathischen Genies, die sich salopp Codeknacker nannten – bräuchten ihn in den kommenden Mittagsstunden für eine „blinde Zuarbeit“.
Während der ersten Stunde schienen sie Beckers Anwesenheit nicht einmal wahrzunehmen. Um einen riesigen Tisch geschart, unterhielten sie sich in einem Becker völlig fremden Vokabular über Datenstromchiffren, selbstdezimierende Geber, Rucksackvariablen, Blindprotokolle und Eindeutigkeitspunkte. Becker spitzte die Ohren und verstand gar nichts. Man kritzelte Symbole auf Millimeterpapier, brütete über Computerausdrucken und deutete immer wieder auf das von einem Overheadprojektor an die Wand geworfene Textgewirr:

JHDJA3JKHDHMADO/ERTWTJLW+JGJ328
5JHALSFNHKHHHFAF0HHDFGAF/FJ37WE
OHI93450S9DJFD2H/HHRTYFHLF89303
95JSPJF2J0890IHJ98YHFI080EWRT03
JOJR845H0ROQ+JT0EU4TQEFQE//OUJW
08UY0IH0934JTPWFIAJER09QU4JR9GU
IVJP$DUW4H95PE8RTUGVJW3P4E/IKKC
MFFUERHFGV0Q394IKJRMG+UNHVS9OER
IRK/0956Y7U0POIKI0JP9F8760QWERQI

Irgendwann wurde Becker mitgeteilt, was er sich ohnehin schon längst gedacht hatte: Das Textgewirr war ein Code – ein verschlüsselter Text aus Zahlen und Buchstabengruppen, die für verschlüsselte Wörter standen. Die Kryptographen sollten den Code analysieren und die ursprüngliche Botschaft – den „Klartext“ – wiederherstellen. Da man annahm, dass die ursprüngliche Botschaft in Mandarin-Chinesisch abgefasst war, hatte man Becker herbeigerufen, um die von den Kryptographen entzifferten Schriftzeichen ins Englische zu übertragen.
Zwei Stunden lang übersetzte Becker eine endlose Reihe von Mandarin-Schriftzeichen, aber die Kryptographen schüttelten jedes Mal entmutigt den Kopf und konnten offenbar keinen Sinn erkennen. Um den Leuten zu helfen, erklärte Becker schließlich, dass alle ihm bisher vorgelegten Schriftzeichen eines gemeinsam hätten – sie würden auch in der japanischen Kanji-Schrift benutzt. Schlagartig wurde es still. Der Leiter der Gruppe, ein schlaksiger Kettenraucher namens Moranti, sah Becker konsterniert an.
„Sie meinen, diese Schriftzeichen können zweierlei bedeuten?“
Becker nickte. Er erläuterte, Kanji sei ein japanisches Zeichensystem, das mit modifizierten chinesischen Schriftzeichen arbeite. Er habe allerdings auftragsgemäß bisher immer nur ins Mandarin-Chinesisch übersetzt.
„Ach du lieber Gott!“, schniefte Moranti. „Dann wollen wir es doch mal mit Kanji versuchen.“
Wie durch ein Wunder fiel auf einmal alles wie von selbst an seinen Platz.
Die Kryptographen waren tief beeindruckt – was sie jedoch keineswegs dazu veranlasste, Becker die Schriftzeichen in der richtigen Reihenfolge vorzulegen. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit“, erläuterte Moranti. „Auf diese Weise wissen Sie nicht, was Sie für uns übersetzen.“
Becker lachte, aber außer ihm lachte keiner.
Als der Code komplett entschlüsselt war, hatte Becker keine Ahnung, welche dunklen Geheimnisse er ans Tageslicht zu fördern geholfen hatte, aber eines war gewiss – die NSA betrieb das Dechiffrieren nicht zum Spaß. Der Scheck in seiner Tasche war jedenfalls mehr wert als das Monatsgehalt eines Universitätsprofessors.
Auf dem Rückweg durch den Raster der Sicherheitskontrollen verstellte ihm im Hauptflur ein Wachmann, der soeben das Telefon aufgelegt hatte, den Weg. „Mr Becker, bitte warten Sie hier einen Augenblick.“
„Gibt es ein Problem?“ Becker hatte nicht damit gerechnet, dass der Auftrag so lange dauern würde. Für sein regelmäßiges Squash-Match am Samstagnachmittag war er schon ziemlich spät dran.
Der Wachmann zuckte die Schultern. „Die Abteilungsleiterin der Crypto möchte Sie sprechen. Sie geht gerade nach Hause und ist schon unterwegs.“
„Eine Frau?“, wunderte sich Becker und grinste. Bei der NSA war ihm bislang noch keine Frau begegnet.
„Haben Sie damit ein Problem?“, fragte eine weibliche Stimme hinter ihm.
Becker drehte sich um. Er spürte das Blut jäh in seine Wangen schießen. Er starrte auf den an die Bluse der Frau gehefteten Hausausweis. Die Chefin der kryptographischen Abteilung war zweifellos eine Frau, und eine attraktive obendrein.
„Nein“, stammelte Becker, „ich habe nur …“
„Susan Fletcher“, stellte sich die Abteilungsleiterin lächelnd vor und streckte ihm eine schlanke Hand entgegen.
Becker nahm sie in die seine. „David Becker.“
„Meinen Glückwunsch, Mr Becker. Man hat mir von Ihrer beachtlichen Leistung berichtet. Ich würde mich mit Ihnen gern ein bisschen darüber unterhalten.“
Becker zögerte. „Um ehrlich zu sein, ich habe es im Moment leider etwas eilig.“
Er hoffte, dass es keine allzu große Dummheit war, einer leitenden Mitarbeiterin der mächtigsten Geheimdienstbehörde der Welt einen Korb zu geben, aber sein Squash-Match sollte in einer Dreiviertelstunde losgehen, und er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Zum Squash kam David Becker niemals zu spät – zur Vorlesung vielleicht, aber zum Squash? Niemals!
„Es wird nicht lange dauern“, sagte Susan Fletcher lächelnd. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen …?“
Fünf Minuten später saß Becker im Kasino der NSA der NSA-Chefkryptographin Susan Fletcher gegenüber und ließ sich einen Eierpfannkuchen mit Preiselbeersoße schmecken. Schnell wurde ihm klar, dass die Achtunddreißigjährige ihre hohe Stellung keineswegs irgendwelchen Kungeleien verdankte – sie war eine der intelligentesten Frauen, die er je kennen gelernt hatte. Becker bekam bei der Unterhaltung über Codes und
Dechiffriermethoden die größten Schwierigkeiten, ihr zu folgen – für ihn eine völlig neue und durchaus anregende Erfahrung.
Eine Stunde später – Becker hatte unwiderruflich sein Squash-Match verpasst, und Susan Fletcher hatte dreimal ohne mit der Wimper zu zucken ihren piepsenden Pager ignoriert – mussten sie beide lachen. Da saßen sie nun, zwei hochgradig analytisch geschulte Köpfe, mit ihrer vor sich hergetragenen Immunität gegen die Anfechtungen des Irrationalen, aber irgendwie, während sie sich über linguistische Morphologie und die Fallstricke von Zufallsgeneratoren unterhielten, kamen sie sich vor wie zwei turtelnde Teenager.
Susan kam die ganze Zeit nicht dazu, David Becker den eigentlichen Grund zu nennen, weshalb sie ihn hatte sprechen wollen: um ihm eine Probeanstellung in der Abteilung für asiatische Kryptographie anzubieten. Bei der Begeisterung, mit der der junge Professor über seinen Lehrberuf sprach, war ohnehin klar, dass er der Universität nicht den Rücken kehren würde. Susan wollte die unbeschwerte Atmosphäre nicht verderben, indem sie das Gespräch auf Berufliches lenkte. Nichts sollte die schöne Stimmung trüben. Und nichts trübte sie.

Das gegenseitige Näherkommen verlief langsam und romantisch, mit verstohlenen Ausbrüchen aus der Tagesroutine, wann immer ihre knapp bemessene Freizeit es zuließ, mit langen Spaziergängen auf dem Campus der Georgetown Universität, einem nächtlichen Cappuccino bei Merlutti und gelegentlichen Besuchen von Vorträgen und Konzerten. Susan bemerkte, dass sie mehr lachte, als sie es jemals für möglich gehalten hatte. Es gab anscheinend nichts, dem David nicht eine witzige Seite abzugewinnen vermochte. Sie genoss es als willkommene Abwechslung von der Beanspruchung, die ihr verantwortungsvoller Posten bei der NSA mit sich brachte.
An einem kühlen Herbstnachmittag saßen sie auf den Rängen des Fußballstadions und schauten zu, wie die Kicker von Rutgers die Mannschaft von Georgetown fertig machten.
„Was für einen Sport treibst du noch mal? Zucchini?“, neckte Susan.
David stöhnte auf. „Man nennt es Squash.“
Susan sah ihn verständnislos an.
„Es geht wie Zucchini, nur das Spielfeld ist etwas kleiner“, erläuterte David.
Susan boxte ihn in die Seite.
Der linke Verteidiger von Georgetown vergab einen Eckball. Die Menge buhte. Die Verteidiger rannten zurück in die eigene Hälfte.
„Und du?“, erkundigte sich David. „Was für einen Sport treibst du eigentlich?“
„Ich bin Weltmeisterin auf dem Hometrainer.“
David wand sich in gespieltem Abscheu. „Mir sind Sportarten lieber, bei denen man auch gewinnen kann.“
Susan grinste ihn an. „Du bist wohl ein Streber.“
Der Starverteidiger von Georgetown stoppte einen gegnerischen Querpass. Jubel erklang von der Tribüne. Susan beugte sich zu David. „Doktor“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
David sah sie verständnislos an.
„Doktor“, wiederholte Susan. „Du musst mit dem ersten Wort antworten, das dir spontan in den Sinn kommt.“
David sah sie skeptisch an. „Ein Wortassoziationstest?“
„Standardprozedur bei der NSA. Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe.“ Sie sah ihn bedeutungsvoll an. „Also: ›Doktor‹.“
David hob die Achseln. „Doolittle.“
Susan runzelte die Stirn. „Okay, dann versuch’s mal hiermit: ‚Küche’.“
„Schlafzimmer“, kam es wie aus der Pistole geschossen.
Susan hob leicht pikiert die Brauen. „Na gut. Und wie steht’s damit: ›Natur‹.“
„Darm“, sagte David postwendend.
„Darm?“
„Na klar. Naturdarm. Die Schlägerbespannung der Squash-Cracks.“
„Ach, wie entzückend“, mokierte sich Susan.
„Und wie lautet nun deine Diagnose?“
Susan dachte kurz nach. „Du bist ein kindischer, sexuell frustrierter Squash-Fan.“
„Könnte hinkommen“, meinte David.

In diesem Stil ging es wochenlang weiter. Wenn sie in einem der vielen nachts geöffneten Schnellrestaurants beim Nachtisch saßen, pflegte David Susan Löcher in den Bauch zu fragen.
Wo hatte sie Mathematik studiert?
Wie war sie an den Job bei der NSA gekommen?
Wie kam es, dass sie so anziehend war?
Susan wurde rot und räumte ein, dass sie eine Spätentwicklerin sei. Während ihrer ganzen Teenagerzeit war sie ungelenk und dürr gewesen und hatte eine Zahnspange getragen. Ihre Tante Clara hatte einmal gesagt, zum Trost für ihre Unansehnlichkeit hätte ihr der liebe Gott einen schlauen Kopf gegeben. Ein voreiliger Trost, dachte David.
Susan erzählte ihm, dass ihr Interesse an der Kryptographie in der Junior High School erwacht war. Der Leiter des Computerclubs, ein riesiger Achtklässler namens Frank Gutmann, hatte ein Liebesgedicht für sie abgetippt und mit einer numerischen Verschiebechiffre verschlüsselt. Susan hatte ihn angebettelt, ihr zu verraten, was da stand, aber Frank hatte sich geweigert. Darauf hatte sie das Werk nach Hause mitgenommen und die ganze Nacht unter der Bettdecke beim Schein einer Taschenlampe daran herumgeknobelt, bis das Geheimnis gelüftet war. Jede Ziffer stand für einen Buchstaben. Sorgfältig entschlüsselte sie den Text und erlebte das Wunder, wie ein scheinbar zufälliges Zahlengewirr sich wie durch Hexerei in wundervolle Poesie verwandelte. In dieser Nacht hatte sie ihre Berufung entdeckt – Kryptographie und Verschlüsselungssysteme sollten ihr Lebensinhalt werden.
Zwanzig Jahre später, sie hatte an der Johns Hopkins Universität ihr Mathematikdiplom gemacht und MIT einem Stipendium des mit Zahlentheorie als Hauptfach studiert, legte sie ihre Doktorarbeit vor: Kryptographische Methoden, Protokolle und Algorithmen für manuelle Anwendungen. Offenbar war ihr Professor nicht der Einzige, der ihre Arbeit gelesen hatte, denn kurz darauf erhielt Susan einen Anruf und ein Flugticket von der NSA.
Wer sich mit Kryptographie beschäftigte, kannte auch die NSA, denn bei dieser Behörde arbeiteten die besten Kryptographen der Welt. Wenn sich die Privatwirtschaft jeden Frühling mit geradezu obszönen Gehaltsangeboten und Aktienoptionen auf die besten Köpfe der Studienabgänger stürzte, pflegte die NSA sorgfältig das Getümmel zu beobachten, sich ihre Schäfchen auszusuchen und schließlich mit dem Doppelten des höchsten Gebots auf den Plan zu treten. Wenn die NSA etwas haben wollte, kaufte sie es eben. Vor Aufregung bibbernd war Susan nach Washington geflogen, wo ein Wagen der NSA sie am Dulles Airport erwartet und nach Fort Meade verfrachtet hatte.
Außer Susan hatten in jenem Jahr einundvierzig weitere Bewerber den besagten Anruf erhalten. Susan war mit ihren achtundzwanzig Jahren die jüngste und obendrein die einzige weibliche Bewerberin gewesen. Die Sache erwies sich weniger als eine Informationsplattform, sondern zu weitaus größeren Teilen als PR-Veranstaltung mit einem intensiven Beiprogramm von Intelligenztests. Susan und sechs weitere Kandidaten wurden in den folgenden Wochen noch einmal eingeladen. Susan hatte zwar Bedenken, ging aber trotzdem hin. Die Bewerber wurden sofort voneinander getrennt und mussten sich Lügendetektor-Tests, Hintergrundbefragungen, graphologischen Analysen und nicht enden wollenden Interviews unterziehen, wobei die auf Tonträger dokumentierten Befragungen auch die sexuelle Orientierung und die sexuellen Praktiken nicht ausließen. Als der Interviewer Susan fragte, ob sie schon einmal Geschlechtsverkehr mit Tieren gehabt hätte, war sie drauf und dran gewesen, aufzustehen und zu gehen. Aber das Geheimnisvolle der ganzen Veranstaltung und die Aussicht, an der vordersten Front der kryptographischen Theorie mitmischen zu können, einen Arbeitsplatz im „Rätsel-Palast“ zu beziehen und Mitglied des exklusivsten Clubs der Welt zu werden – der National Security Agency –, ließen sie auch diese Situation irgendwie überstehen.
David Becker war von ihren Erzählungen vollkommen fasziniert. „Sie haben dich tatsächlich gefragt, ob du schon einmal Geschlechtsverkehr mit einem Tier gehabt hättest?“
Susan hob hilflos die Schultern. „Es gehört eben zum Background-Check.“
„Und …“, David versuchte ein Grinsen zu unterdrücken, „was hast du geantwortet?“
Sie trat ihn unter dem Tisch gegen das Schienbein. „Nein, natürlich! Und bis letzte Nacht hat das auch gestimmt!“

David hätte Susans Idealvorstellung von einem Mann nicht besser entsprechen können – bis auf eine unglückliche Eigenart. Wenn sie miteinander ausgingen, bestand er notorisch darauf, die Rechnung zu begleichen. Susan litt darunter, dass er für ein Dinner bei Kerzenschein einen ganzen Tagesverdienst hinblättern musste, doch David war unerbittlich. Susan gewöhnte sich an, auf Proteste zu verzichten, aber es störte sie dennoch. Das Bezahlen wäre eigentlich deine Sache, tadelte sie sich selbst. Schließlich kriegst du jeden Monat mehr Geld aufs Konto, als du ausgeben kannst.
Wie auch immer, ungeachtet seiner altmodischen Kavaliersvorstellungen war David für Susan der ideale Mann. Er war einfühlsam, klug, lustig, und vor allem, er interessierte sich aufrichtig für ihre Arbeit. Ob bei den Besuchen des Smithonian Institute, beim Radfahren oder beim Zerkochenlassen der Spaghetti in Susans Küche, seine Neugier ließ nie nach. Susan beantwortete seine Fragen nach bestem Vermögen und gab David Einblick in die National Security Agency – soweit es ihre Pflicht zur Geheimhaltung zuließ.
David war fasziniert von dem, was er da zu hören bekam.
Seit über fünfzig Jahren war die am vierten November 1952 um zwölf Uhr eins von Präsident Truman gegründete National Security Agency der mysteriöseste Nachrichtendienst der Welt. Die auf sieben Seiten niedergelegte ursprüngliche Doktrin der NSA gab ein klar umrissenes Aufgabengebiet vor: den umfassenden Schutz von sämtlichen hoheitlichen US-amerikanischen Kommunikationskanälen und deren Inhalten sowie das möglichst vollständige Abfangen der Kommunikationen fremder Mächte.
Das Dach des NSA-Hauptgebäudes war mit über fünfhundert Antennen bepflastert, darunter auch zwei voluminöse Antennenkuppeln, die wie zwei riesige Golfbälle wirkten. Die Dimensionen des Gebäudes selbst waren ebenfalls gigantisch. Mit seinen über 185 000 Quadratmetern Nutzfläche war es zweimal so groß wie das Hauptquartier der CIA. An die 2 440 Kilometer Kommunikationsleitungen waren in seinem Inneren verlegt, die Fläche der versiegelten Fenster betrug zigtausend Quadratmeter.
Susan berichtete David von COMINT, der global arbeitenden Erkundungsabteilung der NSA – mit einem jede Vorstellung sprengenden Arsenal von Satelliten, Abhöranlagen, angezapften Leitungen und Agenten in aller Welt. Tag für Tag wurden Tausende von Kommunikees und Gesprächen abgefangen und den Analysten der NSA zugeleitet. Die Entscheidungsfindung des FBI, der CIA und der außenpolitischen Berater der US-Regierung stützte sich zu wesentlichen Teilen auf die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse der NSA.
David Becker war völlig von den Socken. „Und das Dechiffrieren? Wo kommt deine Arbeit ins Bild?“
Susan erläuterte, dass häufig Nachrichten von Regierungen feindlich gesinnter Länder, von gegnerischen Gruppierungen und terroristischen Organisationen, die in zahlreichen Fällen sogar in den USA selbst tätig waren, abgefangen wurden. Die Absender sandten in der Regel verschlüsselte Botschaften – falls ihre Nachricht in die falschen Hände geraten sollte, was dank COMINT in der Regel auch geschah. Wie Susan erläuterte, hatte
sie die Aufgabe, den jeweiligen Code zu knacken und die dechiffrierte Botschaft in die Kanäle der NSA zu leiten … eine Darstellung, die allerdings nicht ganz stimmte.
Susan kam sich mies vor, weil sie ihren Geliebten belügen musste, aber etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig. Vor ein paar Jahren noch wäre diese Version einigermaßen zutreffend gewesen, aber inzwischen wehte bei der NSA ein anderer Wind. Die Welt der Kryptographie hatte sich grundlegend geändert. In Susans Aufgabengebiet herrschte strengste Geheimhaltung, selbst gegenüber zahlreichen Inhabern höchster Machtpositionen.
„Wenn du nun so einen verschlüsselten Text vor dir hast“, wollte David wissen, „wie weißt du denn, wo du anfangen musst? Ich meine … wie kommst du dem Code bei?“
Susan lächelte. „Also, wenn überhaupt jemand, dann müsstest du das doch wissen. Es ist wie das Erlernen einer Fremdsprache. Anfangs sieht man nur lauter unverständliches Zeug, aber wenn man allmählich in die Struktur und Regeln des Textes eindringt, gibt er immer mehr von seiner Bedeutung preis.“
David nickte beeindruckt. Er wollte noch mehr erfahren.
Unter Benutzung der Servietten ihres Lieblings-Italieners und so mancher Konzertprogramme machte Susan sich daran, ihrem charmanten neuen Schüler eine Einführung in die Kryptographie zu geben. Sie begann mit dem Caesar-Code.
Julius Caesar, erläuterte sie, war unter anderem auch der Erfinder eines Kodierungssystems gewesen. Als seine Boten überfallen und ihnen die geheimen Botschaften entrissen wurden, überlegte er sich eine rudimentäre Methode zum Verschlüsseln seiner Befehle. Zuerst zerlegte er den Text seiner Botschaft nach einem bestimmten System, wodurch er sinnlos wirkte, was er natürlich nicht war. Die Zahl der Buchstaben, aus denen Caesar eine Botschaft zusammensetzte, entsprach dabei stets einer vollen Quadratzahl, also zum Beispiel sechzehn, fünfundzwanzig oder einhundert, je nachdem, wie viel Text er zu übermitteln hatte. Seine Offiziere wussten, dass sie beim Eintreffen einer unverständlichen Mitteilung die Buchstaben von links nach rechts in ein quadratisches Gitter einzutragen hatten. Wenn sie nun die Buchstabenkolonnen von oben nach unten lasen, erschien auf einmal der zuvor unlesbare geheime Text.
Im Lauf der Zeit übernahmen auch andere die von Caesar entwickelte Methode der Neuanordnung von Texten und modifizierten sie in einer weniger leicht durchschaubaren Weise. Der absolute Höhepunkt der nicht computergestützten Verschlüsselungsverfahren wurde im Zweiten Weltkrieg erreicht, als die Nazis eine Verschlüsselungsmaschine namens Enigma bauten. Dieser Apparat bestand aus riesigen ineinander greifenden Walzen, die sich auf raffinierte Weise gegeneinander verdrehten und den Klartext in verwirrende und scheinbar völlig sinnlose Zeichengruppen zerlegten, die nur mit einer zweiten Enigma-Maschine wieder in die richtige Reihenfolge gebracht werden konnten.
David Becker hörte wie gebannt zu. Der Lehrer war zum Schüler geworden.
Eines Abends gab Susan ihm während einer Aufführung der „Nussknacker-Suite“ zum ersten Mal einen einfachen Code zu knacken. Während der ganzen Pause rätselte er mit dem Kugelschreiber in der Hand an den zwölf Buchstaben der Botschaft herum:

hbg khdad chbg

Als vor der zweiten Konzerthälfte die Lichter verlöschten, hatte er es geschafft. Susan hatte einfach die Buchstaben ihrer Botschaft gegen den jeweils vorangehenden des Alphabets ausgetauscht. Zur Entschlüsselung musste man lediglich jeden Buchstaben der Botschaft eine Position des Alphabets weiter rücken – aus A wurde B, aus B wurde C und so weiter. Schnell setzte David auch noch die restlichen Buchstaben an ihren richtigen Platz. Er hätte nie gedacht, dass ihn drei Wörter so glücklich machen könnten:

ich liebe dich

Eilends schrieb er seine Antwort nieder und hielt sie Susan hin.

hbg chbg ztbg

Susan las und strahlte.
David Becker musste lachen. Er war fünfunddreißig Jahre alt, und sein Herz schlug Purzelbäume. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so intensiv zu einer Frau hingezogen gefühlt. Ihre feinen Gesichtszüge und ihre sanften braunen Augen erinnerten ihn an eine Kosmetikreklame von Estée Lauder. Susan mochte zur Teenagerzeit ungelenk und dürr gewesen sein, jetzt war sie es weiß Gott nicht mehr. Irgendwann hatte sie eine gazellenhafte Grazie entwickelt. Sie war groß und schlank, mit festen vollen Brüsten und einem wunderbar flachen Bauch. David witzelte oft, ihm sei noch nie ein Model für Bademoden mit einem Doktortitel in Zahlentheorie und angewandter Mathematik über den Weg gelaufen.
Die Monate gingen ins Land, und bei beiden verdichtete sich der Verdacht, dass sie es recht gut ein Leben lang miteinander würden aushalten können.
Sie waren schon fast zwei Jahre zusammen, als David bei einem Wochenendausflug in die Smoky Mountains Susan aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag machte. Sie lagen in Stone Manor in einem großen Himmelbett. David hatte noch nicht einmal einen Ring dabei. Er platzte einfach so damit heraus. Das war es, was Susan so sehr an ihm liebte – seine Spontaneität. Er zog ihr das Negligee von den Schultern und schlang die Arme um sie.
Sie küsste ihn lang und innig.
„Ich werte das als ein Ja“, hatte er gesagt. In der behaglichen Wärme des Kaminfeuers hatten sie sich die ganze Nacht geliebt.
Diese magische Nacht war nun sechs Monate her. Inzwischen hatte man David überraschend zum Leiter des Instituts für Moderne Sprachen berufen.
Seitdem ging es mit ihrer Beziehung unaufhaltsam bergab.

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Die Päpstin- Donna Woolfolk Cross

 

Es war am siebenundzwanzigsten Tag des Wintarmanoth im Jahre unseres Herrn 814, im härtesten Winter seit Menschengedenken.
Hrotrud, die Hebamme des Dorfes Ingelheim, kämpfte sich durch den Schnee zum Haus des Dorfpriesters. Eine Windböe fegte zwischen den Bäumen hindurch, krallte ihre eisigen Finger in Hrotruds Körper und drang durch die Löcher und Flicken ihrer dünnen Wollkleidung. Der Waldweg war von hohen Schneewehen bedeckt; bei jedem Schritt sank Hrotrud fast bis zu den Knien ein. Eine Schneekruste hatte sich über ihren Brauen und Lidern gebildet; immer wieder wischte sie sich übers Gesicht, um den Weg sehen zu können. Die Hände und Füße schmerzten ihr vor Kälte, obwohl sie mehrere Stofflappen darumgewickelt hatte.
Ein Stück voraus erschien ein verwaschener schwarzer Fleck auf dem Pfad. Es war eine tote Krähe. Selbst diese zähen Aasfresser starben in diesem bitterkalten Winter. Sie verhungerten, weil die Kadaver dermaßen hart gefroren waren, daß sie mit den Schnäbeln das Fleisch nicht lospicken konnten. Hrotrud schauderte und schritt schneller aus.
Bei Gudrun, der Frau des Dorfpriesters, hatten die Wehen eingesetzt, einen Monat früher als erwartet. Da hat sich das Kleine ja eine schöne Zeit ausgesucht, ging es Hrotrud voller Bitterkeit durch den Kopf. Allein letzten Monat habe ich fünf Kinder zur Welt gebracht, und keins von ihnen hat länger als eine Woche überlebt.
Ein Schwall windgepeitschten Schnees blendete Hrotrud, und für einen Moment verlor sie den spärlich markierten Weg aus den Augen. Entsetzen stieg in ihr auf. Schon mehr als ein Dorfbewohner war ums Leben gekommen, weil er bei einem solchen Wetter die Orientierung verloren hatte und bis zur völligen Erschöpfung im Kreis umhergeirrt war, manchmal nur ein paar Schritt von seinem Haus entfernt. Hrotrud zwang sich, stehen zu bleiben und zu warten, während der Schnee um sie herum toste und wirbelte und sie mit einer vollkommen konturlosen Landschaft aus reinem Weiß umgab. Als der Sturmwind endlich nachließ, konnte Hrotrud nur noch mit Mühe die Umrisse des Weges erkennen. Sie setzte sich wieder in Bewegung. Der Schmerz in den Händen und Füßen war verschwunden; sie waren jetzt völlig taub vor Kälte. Hrotrud wußte, was das bedeuten mochte; aber sie konnte es sich nicht leisten, groß darüber nachzudenken. Es war wichtig, die Ruhe zu bewahren.
Ich darf nicht an die Kälte denken.
Sie rief sich das Bild des Anwesens ins Gedächtnis, auf dem sie aufgewachsen war: eine casa, ein herrschaftliches Haus mit gut sechs Hektar fruchtbarem Ackerland. Das Haus war gemütlich und warm gewesen, mit festen Wänden aus dicken Balken – viel schöner als die Häuser der Nachbarn, deren Wände aus schlichten, mit Lehm verfugten Holzlatten bestanden. Im Herd, der sich in Mitte des Hauses befand, hatte ein großes Feuer gelodert, und der Rauch, der kräuselnd aufgestiegen war, zog durch eine Öffnung in der Decke zum Himmel empor. Hrotruds Vater hatte ein kostbares Wams aus Otternfell über seinem bliaud aus feinem Leinen getragen, und ihre Mutter besaß Bänder aus Seide für ihr langes schwarzes Haar. Hrotrud selbst hatten zwei Überkleider mit weiten Ärmeln gehört, und ein warmer Mantel aus feinster Wolle. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie kuschelig und weich der teure Stoff sich auf ihrer Haut angefühlt hatte.
Und dann hatte alles ein so schnelles Ende gefunden. Zwei Dürresommer und eine verheerende Frostperiode hatten die Ernten vernichtet. Überall verhungerten die Menschen; in Thüringen hatte es angeblich Fälle von Kannibalismus gegeben. Durch den umsichtigen Verkauf des Familienbesitzes hatte Hrotruds Vater die Familie eine Zeitlang vor dem Hungern bewahrt. Hrotrud hatte geweint, als der Vater ihr den wollenen Mantel fortnahm. Damals hatte sie sich nichts schlimmeres vorstellen können, als ihren Mantel abgeben zu müssen. Hrotrud lächelte trotz der Eiseskälte. Damals war sie acht Jahre alt gewesen und hatte die Schrecknisse und Grausamkeiten dieser Welt noch nicht gekannt.
Erneut wühlte sie sich durch eine hohe Schneewehe und wehrte sich gegen ein zunehmendes Schwindelgefühl. Sie hatte seit mehreren Tagen nichts gegessen. Aber, sagte sie sich, wenn alles gut geht, bekomme ich heute abend ein Festessen. Falls der Dorfpriester zufrieden mit mir ist, wird er mir sogar Speck als Bezahlung mit auf den Nachhauseweg geben. Der Gedanke verlieh ihr neue Kraft.
Hrotrud gelangte auf eine Lichtung. Dicht voraus konnte sie die verwaschenen Umrisse einer großen Hütte sehen: das Grubenhaus des Dorfpriesters. Hier, auf der Lichtung, lag der Schnee höher, da nun das schützende Dach fehlte, das die Bäume gebildet hatten. Doch Hrotrud kämpfte sich unbeirrt weiter, wühlte sich mit ihren kräftigen Schenkeln und Armen voran, von der Gewißheit erfüllt, bald in Sicherheit zu sein.
An der Tür angelangt, klopfte sie einmal; dann trat sie unaufgefordert ein, ohne zu warten. Es war zu kalt, um auf standesgemäße Höflichkeiten Rücksicht zu nehmen. Dann stand sie blinzelnd in der Dunkelheit des Zimmers. Das einzige Fenster des Grubenhauses war der Winterkälte wegen mit Brettern vernagelt, und das einzige Licht stammte vom Herdfeuer sowie mehreren rauchenden Talglichtern, die an verschiedenen Stellen im Zimmer standen. Nach kurzer Zeit gewöhnten Hrotruds Augen sich an das Licht, und sie sah zwei Jungen, die in der Nähe des Herdfeuers beieinander saßen.
»Ist das Kind schon da?« fragte sie.
»Noch nicht«, antwortete der ältere der beiden Jungen.
Hrotrud murmelte ein kurzes Dankgebet an den heiligen Kosmas, den Schutzpatron der Hebammen. Mehr als einmal war sie um ihre Bezahlung betrogen worden, weil das Kind ein bißchen zu früh gekommen war, so daß sie ohne einen denarius Bezahlung für all die Mühe, die sie auf sich genommen hatte, wieder nach Hause gehen mußte.
Am Herdfeuer wickelte sie sich die gefrorenen Lappen von Händen und Füßen und stieß einen erschreckten Schrei aus, als sie die kränkliche, blauweiße Farbe der Haut sah. Heilige Mutter, laß nicht zu, daß der Frost mir die Hände und Füße nimmt. Für eine verkrüppelte Hebamme hatten die Dorrbewohner nur noch wenig Verwendung. Elias, der Schuhmacher, hatte auf diese Weise seinen Broterwerb verloren. Auf dem Rückweg von Mainz war er von einem Schneesturm überrascht worden. Seine Fingerspitzen hatten sich binnen einer Woche geschwärzt und waren ihm abgefallen. Seither kauerte er halb verhungert und zerlumpt neben den Kirchentüren und erbettelte sich sein tägliches Brot von mildtätigen Mitmenschen.
Hrotrud schüttelte zornig den Kopf, als sie nun ihre tauben Finger und Zehen rieb und massierte, wobei die beiden Jungen ihr schweigend zuschauten. Der Anblick der Knaben erfüllte Hrotrud mit Zuversicht. Es wird eine leichte Geburt, sagte sie sich und versuchte, die Gedanken an den armen Elias zu vertreiben. Schließlich habe ich Gudrun schon von diesen beiden Jungen entbunden, ohne daß es Probleme gab. Der Ältere mußte jetzt beinahe sechs Winter zählen; er war ein untersetzter Knabe, auf dessen Gesicht ein Ausdruck wacher Intelligenz lag. Sein jüngerer, pausbäckiger, dreijähriger Bruder schaukelte vor und zurück, wobei er mißmutig am Daumen lutschte. Beide Jungen besaßen den dunklen Teint und das fast schwarze Haar ihres Vaters; weder der eine noch der andere hatten das außergewöhnliche, weißgoldene Haar ihrer sächsischen Mutter Gudrun geerbt.
Hrotrud konnte sich erinnern, wie die Männer im Dorf Gudruns Haar angestarrt hatten, als der Dorfpriester sie von einer seiner Missionsreisen nach Sachsen mitbrachte. Zuerst hatte es für ziemlichen Wirbel gesorgt, daß ein Priester sich eine Frau genommen hatte. Einige Leute sagten, es würde gegen das Gesetz verstoßen; denn der Kaiser habe eine Verordnung erlassen, die es Männern der Kirche untersagte, sich Frauen zu nehmen. Andere jedoch erklärten, so könne es nicht sein; denn es liege ja auf der Hand, daß ein Mann ohne Frau allen Arten sündhafter Verlockungen und verderbten Lastern ausgesetzt wäre. Schaut euch die Mönche von Bobbio an, sagten diese Leute, die mit ihrer Unzucht und ihren Saufgelagen Schande über die Kirche bringen. Und daß der Dorfpriester ein nüchterner, hart arbeitender Mann war, stand für die Bewohner Ingelheims außer Frage.
Im Zimmer war es warm. Neben der großen Feuerstelle lagen, hoch aufgestapelt, dicke Scheite Birken- und Eichenholz, und in gewaltigen Schwaden stieg der Rauch zu dem Loch im Strohdach empor. Wenngleich nur eine bessere Hütte, war das Grubenhaus ein gemütliches Heim. Die Wände bestanden aus festen Holzbalken; die Fugen zwischen den Balken waren mit einer dicken Schicht aus Stroh und Lehm abgedichtet, die Wind und Kälte draußen hielt. Das einzige Fenster war mit kurzen, dicken Eichenbrettern vernagelt – eine zusätzliche Schutzmaßnahme gegen die nordostroni, die klirrend kalten, winterlichen Nordostwinde. Das Haus war sogar groß genug, daß man es in drei getrennte Bereiche unterteilen konnte: in einem befanden sich die Schlafstätten des Dorfpriesters und seiner Frau; in einem weiteren waren die Tiere zum Schutz vor der strengen Kälte untergebracht – Hrotrud hörte das leise Scharren und Kratzen der Hufe zu ihrer Linken –; und schließlich gab es den eigentlichen Wohn- und Arbeitsraum, in dem die Familie beisammen saß, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden, und in dem die Kinder schliefen. Vom Bischof abgesehen, dessen Haus aus Stein errichtet war, besaß niemand in Ingelheim ein schöneres Zuhause.
Als das Gefühl in Hrotruds Glieder zurückkehrte, begannen sie zu jucken und zu pochen. Sie betastete ihre Finger: Sie waren rauh und trocken, doch die bläuliche Farbe der Haut wich allmählich einem gesunden und kräftigen Rot. Hrotrud seufzte vor Erleichterung und nahm sich vor, dem heiligen Kosmas zum Dank eine Opfergabe darzubringen. Hrotrud blieb noch einige Minuten am Feuer stehen und genoß dessen Wärme; dann – nachdem sie den beiden Jungen aufmunternd zugenickt und ihnen auf die Schultern geklopft hatte – eilte sie um die Trennwand herum, hinter der die Frau auf sie wartete, die in den Wehen lag.
Gudrun war auf ein Lager aus Torf gebettet, das mit frischem Stroh bestreut war. Der Dorfpriester, ein dunkelhaariger Mann mit dichten, buschigen Augenbrauen, die ihm einen ständigen Ausdruck von Strenge verliehen, saß ein Stück entfernt. Er begrüßte Hrotrud durch ein Kopfnicken; dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem großen, in Holz gebundenen Buch zu, das auf seinem Schoß lag. Hrotrud hatte dieses Buch schon bei früheren Besuchen in diesem Haus gesehen, doch sein Anblick erfüllte sie stets aufs neue mit Ehrfurcht. Es war eine Abschrift der heiligen Bibel und das einzige Buch, das Hrotrud jemals gesehen hatte. Wie auch die anderen Dorfbewohner, konnte Hrotrud weder lesen noch schreiben. Dennoch wußte sie, daß dieses Buch ein kostbarer Schatz war, viel mehr Gold-solidi wert, als alle Dorfbewohner zusammen in einem Jahr verdienten. Der Dorfpriester hatte das Buch aus seiner Heimat England mitgebracht, wo Bücher nicht so selten waren wie im Frankenreich.
Als Hrotrud ihre Patientin untersuchte, erkannte sie sofort, daß es sehr schlecht um Gudrun bestellt war. Ihr Atem ging flach, ihr Puls raste bedrohlich schnell, und ihr ganzer Körper war gedunsen und aufgebläht. Hrotrud erkannte diese Zeichen. Sie durfte keine Zeit mehr verlieren. Sie griff in ihren Beutel und nahm eine bestimmte Menge Taubendung heraus, den sie im letzten Herbst mühsam gesammelt hatte. Sie ging zum Kamin zurück, warf den Dung ins Feuer und beobachtete zufrieden, wie der dunkle Qualm aufstieg und die Luft von bösen Geistern reinigte.
Sie mußte den Schmerz lindern, damit Gudrun sich entspannen und das Kind zur Welt bringen konnte. Hrotrud beschloß, zu diesem Zweck Bilsenkraut zu benutzen. Sie holte ein kleines, getrocknetes Bündel der winzigen, gelben, purpurn geäderten Blumen hervor, legte sie in einen Mörser aus gebranntem Ton und zerstampfte sie geschickt zu Pulver, wobei sie bei dem stechenden Geruch, der dabei entstand, die Nase rümpfte. Dann gab sie das Pulver in einen Becher mit kräftigem Rotwein und brachte ihn Gudrun zum Trinken.
»Was willst du ihr denn da geben?« fragte der Dorfpriester, der unvermittelt hinter Hrotrud erschienen war.
Hrotrud zuckte zusammen; sie hatte beinahe vergessen, daß der Mann bei ihnen war. »Die Wehen haben Eure Frau geschwächt. Dieses Mittel wird ihren Schmerz lindern und es dem Kinde erleichtern, aus dem Mutterleib hervorzukommen.«
Die Dorfpriester machte ein düsteres Gesicht. Er nahm Hrotrud das Bilsenkraut aus der Hand, umrundete die Trennwand und warf das Kraut ins Herdfeuer, wo es zischend verbrannte. »Du versündigst dich gegen Gott, Weib.«
Hrotrud konnte es nicht fassen. Da hatte es sie Wochen anstrengender Suche gekostet, um diese kleine Menge der kostbaren Medizin zu sammeln, und nun so etwas! Sie wandte sich dem Dorfpriester zu und wollte ihrem Zorn Luft machen, hielt dann aber inne, als sie den harten, kalten Blick in seinen Augen sah.
›»Zur Frau sprach der Herr: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder‹«, sagte er und klopfte zur Bekräftigung seiner Worte mit der Hand auf den Einband des Buches. »So steht es geschrieben. Eine solche Medizin ist gottlos!«
Hrotrud wurde von wildem Zorn gepackt. An ihrer Medizin gab es nichts Gottloses. Sprach sie nicht jedesmal, wenn sie eine Pflanze aus der Erde zog, neun Vaterunser? Aber sie hatte nicht die Absicht, ein Streitgespräch mit dem Dorfpriester zu führen. Er war ein einflußreicher Mann. Ein Wort von ihm über ihre ›gottlosen‹ Praktiken, und sie mußte ihren Beruf aufgeben und betteln gehen.
Gudrun stöhnte, als eine neuerliche Schmerzwoge sie durchflutete. Also gut, dachte Hrotrud. Wenn der Dorfpriester ihr die Benutzung des Bilsenkrauts nicht erlaubte, mußte sie eben etwas anderes versuchen. Sie ging zu ihrem Beutel und nahm ein langes Stück Stoff heraus, das so zurechtgeschnitten war, daß es der wahren Körpergröße Jesus Christus entsprach. Mit raschen, geschickten Bewegungen band Hrotrud das Tuch um Gudruns Unterleib. Als sie Gudrun dabei auf die Seite drehte, stöhnte die Schwangere erneut. Jede Bewegung bereitete ihr Schmerzen; aber dagegen konnte man nun mal nichts tun. Hrotrud nahm ein Päckchen aus ihrem Beutel, das zum Schutz gegen Beschädigungen sorgfältig in ein Stück Seide eingewickelt war. Im Innern des Päckchens befand sich eine von Hrotruds Kostbarkeiten – das Sprungbein eines Kaninchens, das an Weihnachten getötet worden war. Sie hatte es sich letzten Winter von einer der Jagdgesellschaften des Kaisers erbettelt. Mit äußerster Sorgfalt schabte Hrotrud drei hauchdünne Stückchen ab und legte sie der Schwangeren auf die Zunge.
»Kaue ganz langsam«, wies sie Gudrun an, die mit einem schwachen Kopfnicken reagierte. Hrotrud setzte sich zurück und wartete. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie den Dorfpriester, der weiterhin in dem Buch las, die Stirn in tiefer Konzentration gefurcht, so daß seine buschigen Augenbrauen sich über der Nasenwurzel beinahe berührten.
Wieder stöhnte Gudrun und wand sich vor Schmerzen, doch der Dorfpriester blickte nicht einmal auf. Er ist ein kalter Mann, ging es Hrotrud durch den Kopf. Trotzdem muß er Feuer in den Lenden haben, sonst hätte er Gudrun nicht zur Frau genommen.
Wie lange war es jetzt her, daß der Dorfpriester diese sächsische Frau mit nach Ingelheim gebracht hatte? Zehn Winter? Elf? Nach fränkischen Maßstäben war Gudrun schon damals nicht mehr jung gewesen – sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig, vielleicht –; aber wunderschön mit ihrem langen, weißgoldenen Haar und den blauen Augen der aliengenae. Gudrun hatte ihre ganze Familie bei dem Massaker in Verden an der Aller verloren. Tausende von Sachsen waren an jenem Tag lieber gestorben, als die Wahrheit Unseres Herrn Jesus Christus als ihren Glauben anzunehmen. Verrückte Barbaren, dachte Hrotrud. Das wäre mir nicht passiert. Sie hätte auf alles geschworen, auf das zu schwören man von ihr verlangt hätte – und so würde sie es auch heute noch halten, sollten die Barbaren jemals wieder über das Frankenreich hinwegfegen. Sie würde auf sämtliche fremden und schrecklichen Götter schwören, die von diesen Schlächtern angebetet wurden. Was machte das schon aus? Wer wußte denn, was im Innern eines Menschen wirklich vor sich ging? Eine Hebamme und Kräuterfrau behielt nicht nur ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Meinung für sich.
Das Feuer brannte inzwischen niedrig. Es flackerte und sprühte Funken. Hrotrud ging zum Holzstapel, der in einer Zimmerecke stand, suchte zwei große Scheite Birkenholz heraus, und legte sie auf den Herd. Sie beobachtete, wie die Scheite prasselnd Feuer fingen, bis die Flammen um das Holz herum in die Höhe leckten. Dann begab Hrotrud sich wieder zu Gudrun, um nach der Schwangeren zu sehen.
Es war eine gute halbe Stunde vergangen, seit Gudrun die abgemeißelten Stückchen vom Kaninchenknochen zu sich genommen hatte, doch ihr Zustand war unverändert. Selbst diese starke Medizin hatte nicht gewirkt. Die Schmerzen blieben, unberechenbar und hartnäckig, und Gudrun wurde immer schwächer.
Hrotrud seufzte müde. Offensichtlich mußte sie zu stärkeren Mitteln greifen.


Der Dorfpriester erwies sich als Problem, als Hrotrud ihm erklärte, daß sie bei der Geburt seine Hilfe brauchte.
»Laß die Frauen aus dem Dorf holen«, sagte er gebieterisch. »Äh ... das ist unmöglich, Herr. Wer sollte die Frauen holen?« Hrotrud hob die Hände, um ihre Worte zu unterstreichen. »Ich kann nicht fort, denn Eure Frau braucht mich. Euren ältesten Sohn können wir auch nicht schicken. Er scheint zwar ein kräftiger Bursche zu sein; aber bei einem solchen Wetter könnte er sich verirren, und dann wär's aus mit ihm. Ich hätte mich beinahe selbst verlaufen.«
Unter seinen dunklen, buschigen Brauen hervor starrte der Dorfpriester Hrotrud düster an. »Also gut«, sagte er. »Dann gehe ich selbst.« Als er sich aus dem Stuhl erhob, schüttelte Hrotrud ungeduldig den Kopf.
»Das nützt nichts. Bis Ihr zurück seid, ist es zu spät. Wenn Ihr wollt, daß Eure Frau und das Kind überleben, brauche ich Eure Hilfe, und zwar rasch.«
»Meine Hilfe? Hast du den Verstand verloren, Weib? Das«, er wies mit allen Anzeichen von Abscheu auf das Bett, »Ist Sache der Frauen. Schlecht und unrein. Ich habe nichts damit zu tun.«
»Dann wird Eure Frau sterben.«
»Das liegt in Gottes Hand, nicht in der meinen.«
Hrotrud zuckte die Achseln. »Mir soll's egal sein. Aber Ihr werdet Schwierigkeiten haben, zwei Kinder ohne Mutter großzuziehen.«
Der Dorfpriester starrte Hrotrud an. »Warum sollte ich dir glauben? Die beiden Jungen hat sie auch zur Welt gebracht, ohne daß es Probleme gab. Ich habe ihr durch meine Gebete Kraft gegeben. Du kannst gar nicht wissen, ob die Gefahr besteht, daß sie stirbt.«
Das war zuviel. Priester oder nicht – daß der Mann ihre Fähigkeiten als Hebamme in Frage stellte, konnte sie nicht hinnehmen. »Ihr wißt gar nichts«, sagte sie mit scharfer Stimme. »Ihr habt sie Euch ja nicht einmal angesehen. Geht, und schaut sie Euch jetzt an, und dann sagt mir, ob sie sterben wird oder nicht.«
Der Dorfpriester ging zur Liegestatt und schaute auf seine Frau hinunter. Ihr schweißnasses Haar klebte auf der Haut, die eine gelblich-weiße Farbe angenommen hatte. Um die stumpfen, tief eingesunkenen Augen lagen dunkle Ringe. Wäre nicht ihr schwaches, unregelmäßiges Atmen gewesen, hätte man Gudrun für tot halten können.
»Nun?« fragte Hrotrud mit drängender Stimme.
Der Dorfpriester fuhr zu ihr herum. »Um Himmels willen, Weib! Warum hast du die anderen Frauen nicht sofort mit hierher gebracht?«
»Wie Ihr selbst gesagt habt, Herr, hat Eure Frau die beiden Söhne ohne die geringsten Schwierigkeiten geboren. Ich hatte keinen Grund, diesmal mit Problemen zu rechnen. Außerdem – wer wäre bei einem solchen Wetter schon bis hierher gekommen?«
Der Dorfpriester ging zur Feuerstelle und schritt vor den flackernden Flammen nervös auf und ab. Schließlich blieb er stehen. »Was soll ich tun?«
Hrotrud lächelte breit. »Oh, nur sehr wenig, Herr, nur sehr wenig.« Sie führte ihn wieder zur Liegestatt. »Zuerst einmal helft mir, sie hochzuheben.«
Sie stellten sich zu beiden Seiten Gudruns, packten sie unter den Armen und zogen sie hoch. Gudruns Körper war schwer und gedunsen; doch gemeinsam schafften es Hrotrud und der Dorfpriester, sie auf die Beine zu stellen. Schwankend taumelte Gudrun gegen ihren Mann. Der Dorfpriester war kräftiger, als Hrotrud geglaubt hatte. Das war gut so, denn bei der nächsten Aufgabe würde sie alle seine Kräfte brauchen.
»Wir müssen das Ungeborene in die richtige Lage bringen. Wenn ich die Anweisung gebe, dann hebt sie hoch, so hoch Ihr nur könnt. Und schüttelt sie ganz fest.«
Der Dorfpriester nickte; Entschlossenheit kerbte seine Mundwinkel. Gudrun hing wie ein totes Gewicht zwischen ihm und Hrotrud; der Kopf war ihr auf die Brust gesunken.
»Eins, zwei – hoch!« rief Hrotrud. Sie zerrten Gudrun an den Armen in die Höhe und schüttelten sie auf und nieder. Die Ärmste kreischte und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien. Schmerz und Angst verliehen ihr ungeahnte Kräfte;
Hrotrud und ihr Helfer mußten sich sehr mühen, Gudrun zu bändigen. Hätte er mir doch bloß erlaubt, ihr das Bilsenkraut zu geben! dachte Hrotrud. Dann würde sie inzwischen so gut wie nichts mehr spüren.
Rasch ließen sie Gudrun herunter, doch sie wehrte sie weiterhin und schrie pausenlos. Hrotrud erteilte dem Dorfpriester einen zweiten Befehl, und wieder packten sie Gudrun, hoben sie hoch und schüttelten sie auf und ab; dann legten sie die Frau auf die Liegestatt. Halb bewußtlos lag sie da und murmelte in ihrer Barbaren-Muttersprache unverständliche Dinge. Gut, dachte Hrotrud. Wenn ich schnell mache, ist alles vorüber, bevor sie wieder richtig bei Sinnen ist.
Hrotrud schob die Hand in Gudruns Unterleib und suchte mit tastenden Fingern nach der Öffnung der Gebärmutter. Sie fand die Stelle und fühlte, daß sie von den langen Stunden nutzloser, ergebnisloser Wehen verkrampft und geschwollen war. Mit dem Nagel des rechten Zeigefingers, den sie sich zu diesem Zweck besonders lang hatte wachsen lassen, zerrte Hrotrud an dem widerspenstigen Gewebe. Gudrun stöhnte auf; dann wurde ihr Körper vollkommen schlaff. Warmes Blut strömte Hrotrud über die Hand, den Arm hinunter und aufs Bett. Dann, endlich, spürte sie, wie die Öffnung sich erweiterte. Mit einem leisen Jubelschrei griff Hrotrud sanft hinein und bekam den Kopf des Ungeborenen zu fassen. Ganz vorsichtig drückte sie ihn hinunter.
»Packt ihre Schultern, und drückt sie in meine Richtung«, wies Hrotrud den Dorfpriester an, dessen Gesicht nun ziemlich bleich geworden war. Dennoch gehorchte er: Hrotrud spürte, wie der Druck stärker wurde, als die Kraft des Mannes zu der ihren hinzukam. Nach einigen Minuten konnte sie fühlen, wie das Ungeborene sich bewegte. Beharrlich zog Hrotrud an dem winzigen Leib, vorsichtig darauf bedacht, die weichen Knochen an Kopf und Hals nicht zu verletzen. Endlich erschien der Kopf des Kindes, von dichtem, nassem Haar bedeckt. Behutsam zog Hrotrud den Kopf aus dem Leib der Mutter; dann drehte sie den Körper ein wenig zur Seite, um zuerst der linken, dann der rechten Schulter den Durchgang zu ermöglichen. Ein letzter kräftiger Ruck, und der kleine nasse Körper glitt in Hrotruds wartende Hände.
»Ein Mädchen«, verkündete die Hebamme. »Und ein gesundes und kräftiges obendrein, so wie's aussieht«, fügte sie hinzu, nahm mit Zufriedenheit den kräftigen Schrei des Neugeborenen zur Kenntnis und betrachtete wohlgefällig die rosige Haut.
Sie wandte sich dem Dorfpriester zu – und blickte in dessen mürrisches Gesicht.
»Ein Mädchen«, sagte er abfällig. »Also war alles für die Katz.«
»So etwas solltet Ihr nicht sagen, Herr.« Hrotrud hatte plötzlich Angst, daß der Dorfpriester ihr aus Enttäuschung weniger Lebensmittel als Lohn geben könnte. »Das Kind ist kräftig und gesund. Gott hat ihr das Leben geschenkt, auf daß sie Eurem Namen Ehre mache.«
Der Dorfpriester schüttelte den Kopf. »Sie ist eine Strafe Gottes. Eine Strafe für meine Sünden – und die ihren.« Er zeigte auf Gudrun, die regungslos dalag. »Wird sie überleben?«
»Ja.« Hrotrud hoffte, daß ihre Stimme sich überzeugt anhörte. Sie konnte es sich nicht leisten, daß der Dorfpriester auf den Gedanken kam, womöglich gleich zweimal enttäuscht zu werden. Sie hoffte immer noch, heute abend ein saftiges Stück Fleisch zwischen die Zähne zu bekommen.
Außerdem bestanden ja tatsächlich begründete Aussichten, daß Gudrun überlebte. Sicher, es war eine schwere Geburt gewesen. Nach einer solchen Tortur erkrankten viele Frauen an Fieber und Auszehrung. Doch Gudrun war stark, und Hrotrud würde sie mit einer Wundsalbe aus Fuchsfett und Beifuß behandeln. »Ja«, wiederholte sie mit fester Stimme. »Wenn es Gottes Wille ist, wird sie überleben.« Hinzuzufügen, daß Gudrun wahrscheinlich nie mehr Kinder bekommen konnte, hielt Hrotrud nicht für erforderlich.
»Na, wenigstens das«, sagte der Dorfpriester. Er trat ans Bett und blickte auf Gudrun hinunter. Dann streichelte er ihr sanft über das weißgoldene Haar, das jetzt dunkel vom Schweiß war. Für einen Augenblick glaubte Hrotrud, der Dorfpriester würde seine Frau küssen. Dann aber veränderte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck; er blickte ernst, ja zornig drein.
»Per mudierem culpa successit«, sagte er. »Durch eine Frau entstand die Sünde.« Er ließ Gudrun die schweißnasse Haarsträhne auf die Stirn fallen und trat zurück.
Hrotrud schüttelte den Kopf. Was war das denn für ein Spruch? Irgendwas aus dem heiligen Buch, kein Zweifel. Der Domherr war wirklich ein seltsamer Mann; aber das war ja nicht ihr Problem, dem Himmel sei Dank. Sie machte sich eilig daran, Gudruns Körper von Blut und Fruchtwasser zu säubern, damit sie sich noch bei Tageslicht auf den Nachhauseweg machen konnte.
Gudrun schlug die Augen auf und sah den Dorfpriester neben dem Bett stehen. Der Anflug eines Lächelns gefror ihr auf den Lippen, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.
»Was ist, mein Gemahl?« fragte sie zögernd.
»Ein Mädchen«, erwiderte der Dorfpriester mit kalter Stimme und gab sich gar nicht erst die Mühe, sein Mißfallen zu verbergen.
Gudrun nickte; dann kehrte sie das Gesicht der Wand zu. Der Dorfpriester drehte sich um und wollte gehen, hielt dann aber kurz inne und warf einen Blick auf das Neugeborene, das bereits sicher und behaglich auf seiner strohgedeckten Pritsche lag.
»Johanna. Sie soll den Namen Johanna tragen«, verkündete er und verließ abrupt das Zimmer.

 

 

1.


Ganz in der Nähe des Grubenhauses grollte Donner, und das kleine Mädchen erwachte. Es bewegte sich in seinem Bett und suchte die Wärme und Behaglichkeit, die von den Körpern seiner schlafenden älteren Brüder ausgingen. Dann fiel es dem Mädchen wieder ein: die Brüder waren fort.
Regen prasselte; Donner krachte. Ein heftiges Frühlingsgewitter tobte und erfüllte die Nachtluft mit dem süßsauren Geruch feuchter, frisch gepflügter Erde. Der Regen trommelte laut auf das Dach der Hütte des Dorfpriesters, doch das dicht verwobene Strohdach hielt das Innere trocken, sah man von den ein, zwei Stellen in den Zimmerecken ab, in denen das Wasser sich sammelte, um dann in dicken, schweren Tropfen träge auf den festgestampften, irdenen Fußboden zu klatschen.
Der Wind frischte auf, und eine Eiche, die neben der Hütte stand, begann unrhythmisch gegen die Wände zu klopfen. Der Schatten ihrer Äste fiel ins Zimmer. Das Mädchen betrachtete gebannt, wie die riesenhaften dunklen Finger an den Bettkanten zu zerren schienen. Dann griffen sie plötzlich gierig nach dem Kind, und es schrak zurück.
Mama! dachte das kleine Mädchen ängstlich und öffnete den Mund, um die Mutter zu rufen, hielt dann aber inne. Falls sie ein Geräusch machte, würde die drohende schwarze Hand sie packen und zerquetschen. Das Mädchen lag wie erstarrt da, beobachtete voller Entsetzen das Zucken der Blitze und brachte weder den Mut noch die Willenskraft auf, sich zu bewegen. Dann aber reckte es voller Entschlossenheit das kleine Kinn vor. Es mußte getan werden; also würde sie es tun. Sie bewegte sich mit größter Langsamkeit und nahm nicht für einen Moment den Blick vom Feind, als sie aus dem Bett kroch. Ihre Füße spürten die kalte Oberfläche des Fußbodens, und dieses vertraute Gefühl gab dem Mädchen Sicherheit. Dennoch wagte es kaum zu atmen, als es sich in Richtung der Trennwand bewegte, hinter der seine Mutter lag und schlief. Ein Blitz zuckte auf; die Finger des Ungeheuers bewegten sich wieder, wurden länger, packten nach ihr. Mit Mühe unterdrückte sie einen Schrei, und vor Anstrengung schmerzte ihr die Kehle. Sie zwang sich, nicht wild loszurennen, sondern sich langsam und vorsichtig zu bewegen.
Sie hatte ihr Ziel fast erreicht, als plötzlich eine Salve von Donnerschlägen über ihr krachte. Im selben Moment wurde sie von irgend etwas berührt, das hinter ihr stand. Sie kreischte; dann warf sie sich herum, flitzte hinter die Trennwand und kippte dabei den Stuhl um, auf den sie sich geflüchtet hatte.
In diesem Teil des Hauses war es dunkel und still; das kleine Mädchen hörte nur das regelmäßige Atmen seiner Mutter. Am Geräusch konnte es erkennen, daß die Mutter tief und fest schlief, zumal das Poltern des Stuhles sie nicht geweckt hatte. Rasch ging das Mädchen zum Bett, hob die Wolldecke an und kroch schnell darunter.
Gudrun lag auf der Seite; ihre Lippen waren leicht geöffnet. Das Mädchen kuschelte sich an den Körper der Mutter und spürte die wohltuende Wärme und Weichheit ihrer Haut durch das dünne Hemdkleid aus Leinen.
Gudrun gähnte und drehte sich im Halbschlaf auf die Seite. Von der Berührung geweckt, schlug sie die Augen auf und blickte schläfrig auf das Kind. Dann erwachte sie vollends und umarmte ihre Tochter.
»Johanna«, schimpfte sie leise, wobei ihre Lippen das weiche Haar des Mädchens berührten. »Du solltest längst schlafen, mein Kleines.«
Hastig sprudelte Johanna ihre Geschichte hervor und erzählte der Mutter mit hoher, vor Anspannung atemloser Stimme von der Riesenhand.
Gudrun hörte zu, tätschelte und streichelte ihre Tochter, drückte sie an sich und sprach mit leiser Stimme beruhigend auf sie ein, wobei sie ihr sanft mit den Fingerspitzen übers Gesicht strich, das in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Hübsch ist sie nicht, dachte Gudrun reuevoll. Äußerlich kommt sie zu sehr auf ihn, mit seinem dicken Hals und den breiten Kiefern. Johannas kleiner Körper war jetzt schon untersetzt und stämmig; ganz anders als die hochgewachsenen, anmutigen Menschen von Gudruns Volk. Doch das Kind hatte gute Augen, groß und ausdrucksvoll und von kräftiger Farbe: grün, mit dunkelgrauen Rauchringen im Zentrum der Pupillen. Zärtlich nahm Gudrun eine Strähne von Johannas Haar zwischen die Finger und betrachtete es, erfreute sich an seinem Schimmer – weißgolden, sogar in der Dunkelheit. Mein Haar, dachte sie stolz. Nicht das dicke schwarze Haar ihres Mannes oder das seines grausamen dunklen Inselvolkes. Mein Kind. Sanft wickelte sie Johannas Haarsträhne um den Zeigefinger und lächelte. Wenigstens dieses Kind ist meins.
Durch die Aufmerksamkeiten ihrer Mutter beruhigt, entspannte sich Johanna. In spielerischer Nachahmung zupfte sie an Gudruns langem Zopf, bis er sich löste und die Fülle des weißblonden Haares ihr über die Schultern fiel. Staunend betrachtete Johanna die schimmernde Pracht, die sich wie flüssiges Gold auf der Tagesdecke aus dunkler Wolle ausbreitete. Noch nie hatte Johanna das Haar ihrer Mutter offen gesehen. Der Vater bestand darauf, daß sie es stets sorgfältig geflochten trug, verborgen unter einer Kappe aus grobem Leinen. Das Haar einer Frau, sagte der Dorfpriester, ist das Netz, in dem der Teufel die Seele eines Mannes fängt. Und Gudruns Haar war außergewöhnlich schön – lang und weich und von makelloser, weißgoldener Farbe, ohne jeden Hauch von Grau, obwohl sie nun schon eine alte Frau war, die vierzig Winter erlebt hatte.
»Warum sind Matthias und Johannes fortgegangen?« fragte Johanna unvermittelt. Ihre Mutter hatte es ihr schon mehrere Male gesagt; doch Johanna wollte es noch einmal hören.
»Du weißt warum. Dein Vater hat sie auf seiner Missionsreise mitgenommen.«
»Warum durfte ich nicht auch mitgehen?«
Gudrun seufzte geduldig. Das Kind war so wißbegierig, so voller Fragen. »Matthias und Johannes sind Jungen«, sagte sie. »Eines Tages werden sie Priester sein, genau wie dein Vater. Du bist ein Mädchen; deshalb hast du mit solchen Dingen nichts zu tun.« Als Gudrun erkannte, daß Johanna mit dieser Antwort nicht zufrieden war, fügte sie hinzu: »Außerdem bist du noch viel zu jung.«
Johanna rief entrüstet: »In Wintharmanoth war ich schon vier!«
Gudruns Augen blitzten vor Erheiterung, als sie in das rundliche Kleinmädchengesicht blickte. »Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Du bist ja schon ein großes Mädchen. Vier Jahre! Das hört sich schon sehr erwachsen an.«
Johanna lag still da, als die Mutter ihr übers Haar streichelte. Dann fragte sie: »Was sind eigentlich Heiden?« Ihr Vater und ihre Brüder hatten sich vor ihrer Abreise ziemlich ausgiebig über ›Heiden‹ unterhalten. Johanna verstand nicht genau, was ein Heide war; sie hatte allerdings genug aufgeschnappt, um zu wissen, daß es etwas sehr Schlimmes sein mußte.
Gudruns Körper spannte sich an. Dieses Wort besaß Zauberkräfte. Es hatte auf den Lippen der einmarschierenden Soldaten gelegen, als sie Gudruns Zuhause geplündert und ihre Freunde und Familienangehörigen abgeschlachtet hatten. Die dunklen, grausamen Soldaten des fränkischen Kaisers Karl. ›Magnus‹, nannten die Leute ihn nun, da er tot war. ›Karolus Magnus.‹ Karl der Große. Würden die Menschen ihn immer noch so nennen, fragte sich Gudrun, wenn sie miterlebt hätten, wie seine Soldaten sächsischen Müttern die Säuglinge aus den Armen gerissen, sie herumgeschleudert und ihre Köpfe an Steinen zerschmettert hatten, die schon rot vom Blut anderer unschuldiger Kinder waren? Gudrun zog die Hand von Johanna fort und drehte sich auf den Rücken.
»Was ein Heide ist, mußt du deinen Vater fragen«, sagte sie.
Johanna wußte nicht, was sie falsch gemacht hatte, doch sie hörte die seltsame Härte in der Stimme ihrer Mutter und erkannte, daß sie ins eigene Bett zurückgeschickt wurde, falls es ihr nicht gelang, den Fehler auszubügeln. Rasch sagte sie: »Erzähl mir noch einmal von den alten Göttern.«
»Das kann ich nicht. Dein Vater mag es nicht, wenn ich dir solche Märchen erzähle.« Die Worte waren zum Teil eine Frage, zum Teil eine Feststellung.
Johanna wußte, was zu tun war. Feierlich legte sie sich beide Hände aufs Herz und sprach den heiligen Eid genau so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte. Beim geheiligten Namen von Thor dem Donnerer gelobte Johanna ewige Verschwiegenheit.
Gudrun lachte und zog das Mädchen wieder an sich. »Also gut, du kleine Wachtel. Ich werde dir die Geschichte erzählen, weil du so nett zu fragen verstehst.«
Ihre Stimme war wieder warm, wehmütig und melodisch, als sie von den Göttern ihrer Kinderzeit in Sachsen erzählte, von Wotan und Thor und Freya und all den anderen – bis Karls Armeen einmarschiert waren und mit Flamme und Schwert das Wort Christi gebracht hatten. Andächtig erzählte Gudrun von Asgard, der strahlenden Heimstatt der Götter, einem Ort mit goldenen und silbernen Schlössern, der nur erreicht werden konnte, wenn man Bifrost überquerte, die geheimnisvolle Brücke des Regenbogens, die von Heimdali dem Wächter behütet wurde, der niemals schlief und dessen Ohren so scharf waren, daß er sogar das Gras wachsen hören konnte. In Walhalla, dem schönsten aller Orte, wohnte Wotan, der Göttervater, auf dessen Schultern zwei Raben saßen: Hugin, der Gedanke, und Munin, die Erinnerung. Während die anderen Götter feierten, saß Wotan auf seinem Thron und grübelte darüber nach, was Gedanke und Erinnerung ihm erzählten.
Johanna nickte glücklich. Diesen Teil der Geschichte hörte sie am liebsten. »Erzähl mir von der Quelle der Weisheit«, bettelte sie.
»Obwohl er bereits sehr, sehr klug war«, erzählte Gudrun, »war Wotan stets auf der Suche nach immer mehr Wissen. Eines Tages ging er zur Quelle der Weisheit, die von Mimir dem Weisen bewacht wurde, und bat um einen Schluck aus dieser Quelle. ›Was gibst du mir dafür?‹ fragte Mimir. Wotan antwortete, daß Mimir sich wünschen könne, was immer sein Herz begehrt. ›Die Weisheit muß stets mit Schmerz erkauft werden‹, sagte Mimir. ›Wenn du einen Schluck von diesem Wasser haben möchtest, mußt du mit einem deiner Augen dafür bezahlen.«
Das Gesicht vor Aufregung gerötet, rief Johanna: »Und Wotan hat es getan, nicht wahr, Mama? Er hat es getan!«
Ihre Mutter nickte. »Obwohl es eine schwere Entscheidung war, erklärte Wotan sich einverstanden, eins seiner Augen herzugeben. Dann trank er von dem Wasser. Später gab er die Weisheit, die er auf diese Weise erlangt hatte, an die Menschen weiter.«
Mit großen, ernsten Augen schaute Johanna ihre Mutter an. »Hättest du das auch getan, Mama? Um weise zu sein? Um über alle Dinge Bescheid zu wissen?«
»Nur Götter treffen solche Entscheidungen«, erwiderte Gudrun, doch als sie den beharrlichen, fragenden Blick ihrer Tochter sah, gab sie schließlich zu: »Nein. Ich hätte zu große Angst gehabt.«
»Ich auch«, sagte Johanna nachdenklich. »Aber ich würde es tun wollen. Ich würde wissen wollen, was die Quelle mir erzählen kann.«
Gudrun lächelte auf das kleine, entschlossene Gesicht hinunter. »Aber es würde dir wahrscheinlich gar nicht gefallen, was du von der Quelle erfahren würdest. Bei meinem Volk gibt es ein Sprichwort. ›Das Herz eines weisen Mannes ist nur selten froh.‹«
Johanna nickte, obwohl sie den Sinn dieser Worte nicht richtig verstanden hatte. »Und jetzt erzähl mir von dem Baum«, sagte sie und kuschelte sich wieder eng an ihre Mutter.
Und Gudrun beschrieb Irminsul, die Weltesche. Der Baum hatte im heiligsten aller sächsischen Wälder gestanden, an der Quelle der Lippe. Gudruns Volk hatte diesen Baum verehrt;
doch er war von den Armeen Kaiser Karls gefällt worden.
»Es war ein wunderschöner Baum«, erzählte Gudrun, »und so hoch, daß niemand den Wipfel sehen konnte. Der Baum...«
Sie hielt inne. Johanna spürte plötzlich, daß noch jemand im Zimmer war. Sie hob den Kopf. Ihr Vater stand im Türeingang.
Gudrun setzte sich im Bett auf. »Mein liebster Gemahl«, sagte sie erstaunt. »Ich habe dich erst in vierzehn Tagen zurück erwartet.«
Der Dorfpriester gab keine Antwort. Er nahm eine Wachskerze vom Tisch in der Nähe der Tür, ging zum Herdfeuer und zündete die Kerze an den glühenden Scheiten an.
»Das Kind hatte Angst vor dem Donner«, sagte Gudrun nervös, als das Licht der Kerze sich ausbreitete. »Da habe ich mir gedacht, ich lenke sie mit einer harmlosen Geschichte ab.«
»Harmlos!« Die Stimme des Dorfpriesters zitterte vor Anstrengung, als er sich mühte, seine Wut im Zaum zu halten. »Eine solche Gotteslästerung nennst du harmlos?« Mit zwei langen Schritten war er neben dem Bett, stellte die Kerze ab und zog mit einem Ruck die Decke zur Seite, so daß Mutter und Tochter im flackernden Licht der Flammen zu sehen waren. Johanna hatte die Arme um Gudruns Leib geschlungen und war halb von einem Vorhang aus langem, weißgoldenem Haar verdeckt.
Für einen Augenblick starrte der Dorfpriester fassungslos auf das Bild, das sich ihm bot, und betrachtete ungläubig Gudruns langes, gelöstes Haar. Dann übermannte ihn wilder Zorn. »Wie kannst du es wagen! Wo ich es dir ausdrücklich verboten habe!« Er packte Gudrun und wollte sie aus dem Bett zerren. »Heidnische Hexe!«
Johanna klammerte sich an ihre Mutter. Das Gesicht des Dorfpriesters lief dunkel an. »Scher dich fort, du Balg!« brüllte er. Johanna zögerte, hin und her gerissen zwischen Furcht und dem Verlangen, ihre Mutter irgendwie zu beschützen.
Hastig und drängend stieß Gudrun sie an. »Geh. Rasch. Geh rasch!«
Johanna löste sich von ihr, sprang auf den Fußboden und rannte los. An der Tür drehte sie sich um und sah, wie ihr Vater das Haar der Mutter packte, ihren Kopf brutal nach hinten drückte und sie auf die Knie zwang. Johanna lief los, wollte zur Mutter zurück. Doch vor Entsetzen blieb sie wie angewurzelt stehen, als sie sah, wie ihr Vater sein langes Jagdmesser mit dem Hirschhorngriff unter dem geschnürten Gürtel hervorzog.
»Forsachistu diabolae?« fragte er Gudrun auf Sächsisch, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Als sie nichts erwiderte, drückte er ihr die Messerspitze an die Kehle. »Sag die Worte«, zischte er drohend. »Sag die Worte!«
»Ec forsacho allum diaboles«, schluchzte Gudrun unter Tränen, doch in ihren Augen funkelte Trotz. »Wuercum und wu-ordum, thunaer ende woden ende saxnotes ende allum ...«
Vor Angst wie erstarrt, beobachtete Johanna, wie ihr Vater Gudrun ins Haar packte, mit der einen Hand einen dicken Zopf bildete und mit der anderen Hand das Messer darüber zog. Es gab ein reißendes Geräusch, als die seidenen Strähnen durchtrennt wurden, und ein langes, dickes, weißgoldenes Haarbüschel fiel zu Boden.
Johanna schlug die Hand vor den Mund, um ein Schluchzen zu unterdrücken, warf sich herum und rannte los.
In der Dunkelheit prallte sie gegen eine Gestalt, die nach ihr griff. Sie kreischte vor Angst, als sie gepackt wurde. Die Hand des Ungeheuers! Die hatte sie vollkommen vergessen! Johanna wand sich, trommelte mit den kleinen Fäusten auf die Bestie ein und wehrte sich mit aller Kraft. Doch das Ungeheuer war riesengroß und hielt sie fest gepackt.
»Johanna! Was ist denn, Johanna? Ich bin's!«
Die Worte durchdrangen den Schleier aus Angst und Entsetzen. Es war ihr zehnjähriger Bruder Matthias, der gemeinsam mit dem Vater heimgekehrt war.
»Wir sind wieder zu Hause. Hör endlich auf, um dich zu schlagen, Johanna! Es ist alles gut! Ich bin's.« Johanna streckte einen Arm aus und spürte die glatte Oberfläche des Brustkreuzes, das Matthias stets trug. Dann ließ sie sich erleichtert gegen ihn sinken.
Einige Zeit später saßen sie zusammen in der Dunkelheit und lauschten den leisen, ratschenden Lauten, mit denen das Messer des Vaters das lange Haar ihrer Mutter abtrennte. Einmal hörten sie, wie Gudrun vor Schmerz aufschrie. Matthias fluchte laut, und wie als Antwort erklang ein Schluchzen aus dem Bett, auf dem sich Johannas jüngerer, achtjähriger Bruder Johannes unter den Decken versteckt hatte.
Endlich verstummten die gräßlichen Laute. Nach einer kurzen Pause erklang die murmelnde Stimme des Dorfpriesters. Er betete. Johanna spürte, wie Matthias sich entspannte. Es war vorüber. Sie schlang die Arme um den Hals des älteren Bruders und weinte. Er hielt sie fest und wiegte sie sanft.
Nach einer Weile blickte sie zu ihm auf.
»Vater hat Mama eine Heidin genannt.«
»Ja.«
»Aber das ist sie nicht«, sagte Johanna zögernd, »oder doch?«
»Sie war es.« Als er den Ausdruck entsetzten Unglaubens auf dem Gesicht der kleinen Schwester sah, fügte er rasch hinzu:
»Vor langer Zeit. Sie ist es längst nicht mehr. Aber was sie dir vorhin erzählt hat, waren Geschichten von den Heiden.«
Johanna hörte zu weinen auf, denn diese Information war höchst interessant.
»Du weißt doch das erste Gebot, nicht wahr?«
Johanna nickte und zitierte gehorsam: »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.«
»Ja. Das bedeutet, daß es die Götter gar nicht gibt, von denen Mama erzählt hat, und daß es Sünde ist, von ihnen zu sprechen.«
»Hat Vater sie deshalb ...?«
»Ja«, unterbrach Matthias die kleine Schwester. »Mama mußte zum Wohle ihrer Seele bestraft werden. Und sie hat ihrem Ehemann nicht gehorcht, und auch das ist ein Verstoß gegen Gottes Gesetz.«
»Warum?«
»Weil es so in der heiligen Schrift steht«, erwiderte Matthias und zitierte: »›Denn der Gatte ist der Beherrscher des Weibes;
deshalb sollen die Weiber sich in allen Dingen dem Manne unterwerfen.‹«
»Warum?«
»Wa ... warum?« Matthias war perplex. Diese Frage hatte ihm noch niemand gestellt. »Na ja, ich nehme an, weil... weil Frauen von Natur aus den Männern unterlegen sind. Männer sind größer, stärker und klüger.«
»Aber ...«, setzte Johanna zur Erwiderung an, wurde jedoch von ihrem Bruder unterbrochen.
»Das waren vorerst genug Fragen, Schwesterchen. Du müßtest längst im Bett sein. Komm jetzt.« Er trug sie zum Bett und legte sie neben Johannes, der bereits in tiefem Schlaf lag.
Wie immer, war Matthias lieb zu ihr gewesen. Um ihm seine Freundlichkeit zu danken, schloß Johanna die Augen, deckte sich zu und tat so, als würde sie schlafen.
Doch sie war viel zu aufgeregt, als daß sie hätte schlafen können. Sie lag in der Dunkelheit und spähte auf den leise schnarchenden Johannes, dessen Kinnlade schlaff herunterhing; der Mund stand offen.
Er ist schon acht Jahre alt und kann immer noch nichts aus dem Buch der Psalmen aufsagen. Johanna war erst fünf, doch sie kannte die ersten zehn Psalmen bereits auswendig.
Folglich war Johannes nicht so klug wie sie. Aber er war ein Junge und hätte klüger sein müssen. Wie konnte Matthias sich so sehr irren? fragte sich Johanna. Er wußte doch alles, und später wurde er Priester, wie ihr Vater.
Johanna lag wach in der Dunkelheit und ließ sich dieses Problem wieder und wieder durch den Kopf gehen.
Bei Anbruch der Morgendämmerung schlief sie ein, doch ihr Schlaf war ruhelos, und sie wurde von Träumen über gewaltige Kriege zwischen eifersüchtigen und zornigen Göttern heimgesucht. Der Engel Gabriel persönlich kam mit einem Flammenschwert vom Himmel, um mit Thor und Freya den Kampf zu wagen. Die Schlacht war wild und schrecklich, doch am Ende wurden die falschen Götter zurückgeschlagen, und Gabriel stand triumphierend vor den Toren des Paradieses. Sein Flammenschwert war verschwunden; in seiner Hand funkelte ein kurzes Jagdmesser mit Hirschhorngriff.

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 5. Die Säulen der Erde - Ken Follet

Auf einem thronähnlichen Stuhl saß eine Frau mittleren Alters in einem wunderschönen Kleid. Sie muss einmal sehr schön gewesen sein, dachte Aliena, auch wenn ihr jetzt die Haare ausfallen und ihr Gesicht schon Runzeln hat.
"Das ist Mistress Kate", stellte das Mädchen vor.
"Kate, dieses Mädchen beitzt keinen Penny, und ihr Vater sitzt im Gefängnis."
Kate lächelte. Aliena lächelte zurück, musste sich aber dazu zwingen: Irgend etwas an Kate wollte ihr nicht so recht behagen. "Nimm den Jungen mit in die Küche", sagte Kate, "und gib ihm einen Becher Bier, während wir uns unterhalten."
Das Mädchen führte Richard hnaus. Aliena war froh, dass er Bier bekam - vielleicht bekam er sogar etwas zu essen?
"Wie heißt du?" fragte Kate.
"Aliena."
"Ein ungewöhnlicher Name. Aber er gefällt mir." Sie stand auf und trat näher - für Alienas Geschmack etwas zu nah. Sie legte Aliena die Hand unters Kinn. "Du hast ein sehr hübsches Gesicht." Ihr Atem roch nach Wein. "Leg deinen Umhang ab."
Aliena verwirrte diese Untersuchung, aber sie fügte sich. Bis jetzt wirkte alles recht harmlos, und sie wollte auf keinen Fall die erste vielversprechende Aussicht auf Arbeit nach den morgendlichen Fehlschlägen durch etwaige Unbotmäßigkeit aufs Spiel setzen. Sie ließ ihren Umhang von den Schultern gleiten, legte ihn auf eine Bank und stand nun in dem alten Leinenkleid da, das ihr die Frau des Jagdpflegers gegeben hatte. Kate ging einmal ganz um sie herum und schien aus irgendeinem Grund beeindruckt. "Mein liebes Kind, dir wird es nie an Geld mangeln und auch sonst an nichts. Wenn du für mich arbeitest, werden wir beide reich."
Aliena runzelte die Stirn. Das klang ihr alles verrückt. Sie wollte nichts weiter, als bei der Wäsche, beim Kochen oder Nähen helfen. Wie sollte sie da irgendwen reich machen? "Was für eine Arbeit meint ihr?" sagte sie.
Kate, die hinter ihr stand, ließ die Hände an Alienas Seiten heruntergleiten, befühlte ihre Hüften und stand so dicht hinter ihr, dass Aliena ihre Brüste spürte, die sich gegen ihren Rücken pressten. "Du hast eine wunderbare Figur", sagte Kate. "Und deine Haut ist genauso wunderbar. Du bist von adliger Geburt, nicht wahr?"
"Mein Vater war der Graf von Shiring."
"Bartholomäus! Soso. Ich kann mich gut an ihn erinnern - nicht etwa, dass er einer meiner Kunden gewesen wäre. Ein tugendhafter Mann, dein Vater. Nun, jetzt verstehe ich auch, warum du in Not bist."
Kate hatte also Kunden. "Was verkauft Ihr?" fragte Aliena.
Kate gab keine Antwort darauf. Sie trat wieder vor Aliena hin und sah ihr ins Gesicht. "Bist du noch Jungfrau, Kleine?"
Aliena wurde rot vor Scham.
"Du brauchst dich nicht zu genieren", sagte Kate. "Du bist also keine mehr. Nun ja, das macht nichts. Jungfrauen werden hoch gehandelt, aber natürlich hält das nicht vor." Sie umschlang Alienas Hüften mit den Händen, beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn. "Du bist sehr üppig, auch wenn du es selber nicht weißt. Bei allen Heiligen, du bist einfach unwiderstehlich!" Sie ließ eine Hand von Alienas Hüften zu ihrem Busen hinaufgleiten, nahm behutsam eine Brust in ihre Hand, wog und drückte sie sachte, neigte sich schließlich vor und küsste Aliena auf den Mund.

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6. Blutadler - Frank Schätzing

 

 

Hamburg-Pöseldorf, Samstag, 14. Juni, 23.30 Uhr

Das Mondlicht drang durch die bis zum Boden reichenden Fenster und warf geometrische Figuren auf den Fußboden und die Wände von Fabels Schlafzimmer. Es betonte die Kurven von Susannes Körper, der sich auf ihn senkte. Und es warf ihren Schatten an die Wand, als der sanfte, ruhige Rhythmus ihres Liebesspiels heftiger wurde.

Danach lag Susanne auf dem Rücken und Fabel auf der Seite. Er stützte seinen Kopf auf einen Ellbogen und musterte das vom Mondlicht hervorgehobene Profil seiner Geliebten. Er hob den Oberkörper und schaute auf sie nieder. Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.

"Bleibst du über Nacht?"

Susanne stöhnte behaglich. "Es ist so bequem, dass ich nicht aufstehen und mich anziehen möchte." Sie lächelte schelmisch. "Aber ich bin nicht müde genug, um zu schlafen."

Fabel wollte gerade antworten, als das Telefon klingelte. Er lächelte Susanne resigniert an und sagte: "Vergiss das nicht. Ich bin sofort wieder da."

Er ging nackt zum Telefon. Es war Karl Zimmer, der Dienst habende Kommissar der Mordkommission.

"Tut mir Leid, dich zu stören", sagte Zimmer, "aber es liegt etwas Wichtiges vor."

"Was denn?"

"Wir haben eine neue E-Mail von ‚Son of Sven' bekommen."

 

 

E-Mail

Von: Son of Sven

Gesendet: 14. Juni 2003, 23.00 Uhr

An: Ersten Kriminalhauptkommissar Jan Fabel

Polizei Hamburg

Mordkommission

Betreff: WORTE

ICH BIN, WIE SIE GEMERKT HABEN WERDEN, EIN MANN WENIGER WORTE. DAS OPFER DAGEGEN WAR EINE FRAU VIELER WORTE.

ICH SCHÄTZE FRAUEN NICHT, DIE IHRE HAUPTAUFGABE NICHT ERFÜLLEN, SONDERN EINE EGOISTISCHE KARRIERE ÜBER DAS NATÜRLICHE FORTPFLANZUNGSGEBOT STELLEN. DIESE WAR SCHLIMMER ALS DIE MEISTEN. SIE SAH ES ALS IHRE BERUFUNG AN, JENE ZU VERLEUMDEN, DEREN HOHE GESINNUNG SIE NIEMALS AUCH NUR ANSTREBEN KONNTE: SOLDATEN, DIE GEGEN ANARCHIE UND CHAOS KÄMPFTEN.

ICH HABE DIESMAL EINE ÜBERRASCHENDE WENDUNG HINZUGEFÜGT. SIE GLAUBTE, ICH SEI SIE, HERR FABEL. SIE WURDEN VON IHR ANGEFLEHT, IHR LEBEN ZU VERSCHONEN. ES WAR IHR NAME, DER SICH IN IHR HIRN EINBRANNTE, ALS SIE STARB.

SIE HAT IHRE SCHWINGEN AUSGEBREITET.

 

SON OF SVEN

Polizeipräsidium Hamburg, Sonntag, den 15. Juni, 1.30 Uhr

"Entschuldigt, dass ich euch zu einer so gottlosen Stunde hergerufen habe", sagte Fabel, aber seine geschäftsmäßige Miene zeigte, dass seine Worte reine Formalität waren. Die Gestalten am Tisch hatten die geschwollenen Augen von Menschen, die man unverhofft geweckt hat, doch niemand beklagte sich. Alle begriffen, wie wichtig das Eintreffen einer neuen E-Mail war. "Aber diese neue E-Mail enthält ein paar unerfreuliche Einzelheiten, um mich vorsichtig auszudrücken."

Werner, Maria, Anna und Paul nickten bekümmert. Susanne saß ebenfalls am Tisch, und die anderen hatten wissende Blicke ausgetauscht, als sie zusammen mit Fabel eintraf.

"Was also verrät diese E-Mail uns?" Fabels Geste forderte alle zu einer Antwort auf.

Maria ergriff als Erste das Wort. "Dadurch wird auf ziemlich unangenehme Art bestätigt, dass er sich als Polizist tarnt. In diesem Fall nimmt er deine Identität an."

"Ich trage keine Uniform, also kann er sich nicht als Schutzpolizist ausgeben."

"Es sieht so aus, als hätte er sich eine Kripomarke oder einen Dienstausweis besorgt - oder beides", meinte Werner.

"Was ist mit dem Opfer?", fragte Fabel. Er erinnerte sich an die Behauptung in der E-Mail, dass die Frau in dem Glauben gestorben sei, von ihm, Fabel, ermordet zu werden. Der Gedanke verursachte ein widerwärtiges Stechen in seiner Brust.

"Er hat sie als ‚Frau vieler Worte' beschrieben?" meinte Maria. "Eine Schauspielerin?"

"Gut möglich", sagte Susanne. "Aber denken Sie daran, dass er ein Psychopath mit einer verzerrten Weltsicht ist. Vielleicht war sie einfach jemand, der seiner Meinung nach zu viel geredet hat."

"Aber er behauptet, dass sie Soldaten verleumdet hat. Es klingt eher nach jemandem mit einem Publikum", warf Paul Lindemann ein.

"Was ist mit der E-Mail selbst?" fragte Fabel. "Ich nehme an, wir haben eine falsche IP-Adresse?"

"Der Technische Dienst kümmert sich darum", antwortete Maria. "Ich habe den Leiter aus dem Bett geholt, damit er die Sache untersucht. Er war nicht gerade erfreut darüber."

Werner sprang plötzlich auf. Sein Gesicht war von Zorn und Frustration verdunkelt. Er trat hinüber an die Obsidianscheibe des Fensters, in der sich das Zimmer widerspiegelte. "Wir können nur warten, bis ihre Leiche entdeckt wird. Er hat uns keine Anhaltspunkte hinterlassen."

"Du hast Recht, Werner", entgegnete Fabel mit einem Nicken. Er schaute auf seine Armbanduhr. "Ich glaube, wir sollten jetzt alle noch etwas schlafen. Am besten treffen wir uns, sagen wir, um zehn Uhr wieder hier."

Sie standen erschöpft auf, als das Telefon des Konferenzzimmers klingelte. Anna Wolff war ihm am nächsten und hob den Hörer ab. Plötzlich war die Mattigkeit aus ihrem Gesicht gewischt. Sie hielt die andere Hand hoch, damit ihre Kollegen im Zimmer blieben.

"Das war der Technische Dienst", sagte sie. Sie haben eine echte IP-Adresse vom Provider. Sie gehört einer Angelika Blüm. Wir haben eine Adresse in Uhlenhorst."

"Mein Gott", stöhnte Fabel. "Es ist die Journalistin, die versucht hat, mich zu erreichen."

"Eine Journalistin?", fragte Maria.

"Ja", sagte Fabel. "Eine Frau vieler Worte."

 

Hamburg-Uhlenhorst, Sonntag, den 15. Juni, 2.15 Uhr

Das Wohngebäude erfüllte sämtliche Kriterien des Hamburger Schicks. Es war in den Zwanzigerjahren errichtet worden und schien vor einiger Zeit umfassend renoviert worden zu sein. Fabel, der einiges von Architektur verstand, vermutete, dass es von Karl Schneider - oder einem seiner Schüler - entworfen worden war. Das Haus hatte keine harten Kanten. Die getünchten Wände wiesen keine Ecken, sondern elegante Kurven auf, und die Fenster der Wohnungen waren hoch und breit. Uhlenhorst hatte nie das gleiche Prestige wie Rotherbaum erlangt, aber es war trotzdem eine wohlhabende und begehrte Gegend.

Zwei Streifenwagen - vom Polizeikommissariat 31, wie Fabel annahm - parkten direkt vor der aus Bronze und Glas bestehenden Tür, die in eine hell erleuchtete Marmorhalle führte. Ein Schutzpolizist stand an der Tür Wache, während ein zweiter einem großen Mann in den Sechzigern lauschte, der lebhaft auf ihn einredete. Fabel hielt hinter dem einen Streifenwagen. Werner und er stiegen aus, als Paul und Anna hinter Fabels BMW bremsten. Fabel schritt zu dem uniformierten Polizisten hinüber, der dem älteren Mann geduldig zuhörte. Die Schulterstücke wiesen den Beamten als Kommissar aus. Fabel zückte seine Kripomarke, und der Polizist nickte bestätigend. Der ältere Zivilist, der das zerzauste Aussehen und die rot geränderten Augen eines aus tiefem Schlaf gerissenen Menschen hatte, öffnete den Mund, doch Fabel ließ ihn nicht zu Wort kommen, sondern wandte sich direkt an den Kommissar.

"Bisher war noch niemand in der Wohnung?"

"Nein. Ich hielt es für das Beste abzuwarten, bis Sie eintreffen. Ich habe zwei Männer an der Tür von Frau Blüms Wohnung postiert. Von innen ist kein Laut zu hören."

Fabel schaute zu dem Zivilisten hinüber.

"Das ist der Hausmeister", beantwortete der Schutzpolizist seine unausgesprochene Frage.

Fabel drehte sich zum Hausmeister hin und streckte die Hand aus. "Geben Sie mir bitte den Schlüssel für Frau Blüms Wohnung

Der Hausmeister nahm die hochmütige, halb aristokratische Miene eines englischen Butlers an. "Auf keinen Fall. Dies ist ein exklusives Gebäude, und unsere Bewohner haben das Recht ..."

Fabel schnitt ihm erneut das Wort ab. "In Ordnung." Dann forderte er Werner auf: "Würdest du bitte die Türramme aus dem Kofferraum holen?"

"Das können Sie nicht machen", tobte der Hausmeister. "Sie brauchen einen Durchsuchungsbefehl."

Fabel blickte nicht einmal in seine Richtung. "Wir brauchen keinen Durchsuchungsbefehl. Wir ermitteln in einem Mordfall und haben Grund zu der Annahme, dass die Bewohnerin in Gefahr ist." Er deutete mit dem Kopf in Richtung des Wagens. "Werner, die Türramme bitte."

Der Hausmeister stotterte entsetzt: "Nein ... nein. Ich hole die Schlüssel."

 

Die Lifttüren glitten auf dem Flur der dritten Etage auf. Die breite, makellos gepflegte Fläche wurde von Einbauleuchten erhellt, die glänzende Tupfen auf den Marmor warfen. Fabel bedeutete dem Hausmeister voranzugehen. Sie folgten der leichten Biegung des Flurs und stießen auf zwei Beamte an beiden Seiten einer Wohnungstür. Fabel legte dem Hausmeister eine Hand auf die Schulter, um ihn zurückzuhalten, und schob sich vor. Dann gab er Werner und Maria ein Zeichen, dass sie ihm folgen sollten. Durch eine Handbewegung lenkte er Anna und Paul zur anderen Seite der Tür, neben den zweiten Schutzpolizisten. Alle Augen waren auf Fabel gerichtet. Er hielt den Finger an die Lippen und flüsterte dem Hausmeister zu: "Welchen Schlüssel?"

Der Mann kramte nach dem geeigneten Schlüssel. Fabel nahm das Bund, lächelte, nickte dem Hausmeister zu und machte eine stoßende Bewegung mit der Handfläche, damit der Mann zurückwich. Dann zeigte er auf sich selbst und Werner und hielt erst einen, dann zwei Finger hoch, um anzudeuten, dass Werner und er die Führung übernehmen würden. Die beiden zogen ihre Waffen, und Fabel drückte auf den Türsummer. Sie hörten das elektronische Krächzen des Summers in der Wohnung. Keine Reaktion. Fabel nickte Werner zu und steckte den Schlüssel ins Schloss. Mit einer einzigen fließenden Bewegung drehte er den Schlüssel um und stieß die Tür auf. Die Lichter in der Wohnung brannten. Werner, dicht gefolgt von Fabel, glitt über die Schwelle.

"Frau Blüm?" Stille. Fabel musterte den Bereich der Wohnung, den er sehen konnte. Neben der Tür standen ein Stuhl und ein kleiner Tisch. Ein teuer aussehender Frauenmantel war nachlässig auf den Stuhl geworfen worden, und auf dem Tisch lag eine italienische Lederhandtasche. Fabels Griff an seiner Walther lockerte sich. Er wusste, dass niemand in der Wohnung war. Jedenfalls niemand Lebendiges.

Die Wände der Diele hatten eine hellblaue Farbe und waren mit großen Originalgemälden verziert: mit abstrakten Studien in tiefen Violett- und Rottönen, die auf dem kühlen Hintergrund zu glühen schienen.

Während Fabel leise durch die Diele glitt, blickte er nach links durch eine offene verglaste Doppeltür, die in den geräumigen Wohnbereich führte. Das Zimmer war leer. Wieder diente eine geschmackvolle Kühle als Hintergrund für teure Möbel und vereinzelte Originalkunstwerke. Bei seiner raschen Begutachtung des Zimmers glaubte Fabel die bewegten Linien einer Giacometti-Skulptur wahrzunehmen. Sie war klein, doch sie machte den Eindruck eines Originals. Er ging weiter. Zur Rechten das Badezimmer. Leer. Danach, ebenfalls zur Rechten, das Schlafzimmer. Leer. Die nächste Tür in der Diele war geschlossen. Fabel stieß sie auf, doch das Zimmer war dunkel. Er schob eine Hand neben der Tür hinunter, bis er den Schalter spürte. Der Raum wurde schlagartig durch eine Reihe angewinkelter Wandlampen mit Licht überflutet.

Ein Schock.

Fabel konnte nicht begreifen, weshalb er nicht darauf vorbereitet gewesen war. Er hatte gewusst, dass sie tot in der Wohnung lag, und als er auf die geschlossene Tür und das dunkle Zimmer stieß, war ihm instinktiv klar, dass er sie hier finden würde. Trotzdem hatte er das Gefühl, von einem Lastwagen überrollt zu werden.

"O Gott ..." Es war, als wäre der Atem aus Fabels Brust gesogen worden. Übelkeit brandete in ihm auf. "Du lieber Gott ..."

Der Raum, ursprünglich als Schlafzimmer gedacht, war zu einem Arbeitszimmer umgestaltet worden. An drei Wänden hingen mit Büchern und Akten gefüllte Regale. Die vierte Wand enthielt das Fenster, das fast die gesamte Länge des Zimmers einnahm und nun von geschlossenen Vorhängen verborgen wurde. Ein breiter Buchentisch mit einem Laptop stand dem Fenster gegenüber. Wie in der übrigen Wohnung war das Dekor zurückhaltend, geschmackvoll und elegant.

In der Mitte des Zimmers hatte eine Explosion von Fleisch, Blut und Knochen stattgefunden. Ein Frauenkörper mit dem Gesicht nach unten. Der Rücken war parallel zur Wirbelsäule aufgeschlitzt worden. Man hatte die Rippen auseinander gestemmt, die Lungen ausgegraben und nach außen geworfen. Sie war nackt, abgesehen von einem Paar Frotteepantoffeln mit geriffelten Sohlen. Ein zu den Pantoffeln passender Frotteebademantel war in eine Ecke geschleudert worden. Sonst gab es keine Kleidungsstücke in dem Zimmer.

Fabel bemerkte außer der Zerstörung des Rumpfes eine große, vom Kopf ausgehende Blutfahne, die sich über den Kieferholzboden ausbreitete. Ihr Hinterkopf war eine verfilzte Masse aus Blut und kastanienbraunem Haar.

"Ach, Scheiße." Werner stand nun neben Fabel und keuchte, um seine Übelkeit zu unterdrücken. "Ach, Scheiße."

Maria Klee und Anna Wolff kamen ebenfalls herein. Anna machte ein würgendes Geräusch und rannte zurück durch die Diele. Fabel konnte hören, wie sie sich in Angelika Blüms Badezimmer in die Toilettenschüssel erbrach. Das Tatort-Team würde begeistert sein: Kontaminierung des Hauptschauplatzes eines Mordes. Fabel konnte der zähen kleinen Anna keine Vorwürfe machen. Er musste selbst die Augen einen Moment lang schließen, um das Bild von seiner Netzhaut zu verbannen, bevor er die Fassung wiedergewann. Ihm zuckte der Gedanke, ob Anna die Toilette verlassen hatte, durch den Kopf, und er atmete langsam durch. Die Notwendigkeit, den Haupttatort unangetastet zu lassen, bewog ihn, nicht näher an die Leiche heranzutreten, und als sich andere in der Tür drängten, befahl er ihnen, sich aus der Wohnung zu entfernen.

 

Innerhalb einer Stunde wimmelte es im gesamten Gebäude von Menschen. Fabel hatte den Uhlenhorster Kommissar gebeten, mehr Beamte anzufordern, die die Anwohner befragen sollten. Außerdem war das von Holger Brauner geleitete Spurensicherungsteam eingetroffen, ebenso wie Dr. Möller, der Gerichtsmediziner. Fabel kannte Brauner von etlichen früheren Ermittlungen und schätzte ihn sehr. Das einzige Problem war, dass der arrogante Blödmann Möller immer den Drang verspürte, sich mit Brauner zu messen. Allerdings gestand Fabel widerwillig ein, dass Möller ein ausgezeichneter Gerichtsmediziner war und einen rasiermesserscharfen Verstand besaß.

Fabel hatte den Tatort absperren lassen und ihn dem Spurensicherungsteam übergeben. Die Vorschriften besagten, dass Brauner den Schauplatz als Erster untersuchte, ohne die Leiche anzurühren. Erst wenn sein Team und er fertig waren, konnte Dr. Möller seine Arbeit beginnen. Das bedeutete, dass Möller vor Wut kochend an der Wohnungstür warten musste. Für Fabel war es der einzige Höhepunkt des Tages.

Nach einiger Zeit tauchte Holger Brauner auf. Er ignorierte Dr. Möller und bat Fabel, ihn in die Wohnung zu begleiten. "Es gibt da etwas, das Sie sehen sollten, bevor wir es zur Untersuchung im Labor einpacken."

Brauner führte ihn zum Mordschauplatz. Fabel musste sich an zwei mit Overalls bekleideten Kriminaltechnikern vorbeiquetschen, um hinter die Leiche treten zu können. Der Fotograf des Teams packte gerade seine Geräte zusammen, und im Zimmer herrschte eine drangvolle Enge. Brauner ging zum Schreibtisch hinüber und zeigte auf den Laptop. Auf dem Schirm war eine unlängst abgeschickte E-Mail zu sehen. Es war die Mitteilung, die das Präsidium knapp nach dreiundzwanzig Uhr erhalten und die die Polizei hierher geführt hatte. Der Mörder hatte sie nicht nur von Angelika Blüms eigenem Laptop abgesandt, sondern sie auch erneut geöffnet, damit die Polizisten bei ihrer Ankunft darauf stießen.

"Der perverse Dreckskerl!" Fabel spürte, wie sich tief in seinem Innern eine wilde Raserei Bahn zu brechen suchte. Er hatte sich immer etwas darauf zugute gehalten, ruhig bleiben und die Kontrolle behalten zu können, aber dieser Mörder hatte sich so tief unter seine Haut gebohrt, dass Fabels übliche Schutzmechanismen völlig ausgeschaltet waren. "Dieses Ungeheuer verhöhnt uns. Es ist genau das, was es wollte, die Szene, die es im Kopf hatte: Ich bin in diesem Zimmer mit ihrer Leiche und muss diese verfluchte E-Mail zum zweiten Mal lesen!" Fabel drehte sich zu Brauner um. "War er also gegen dreiundzwanzig Uhr hier?"

"Nicht unbedingt. Die E-Mail wurde per Timer verschickt. Aber das ist noch nicht alles." Brauner benutzte vorsichtig einen einzigen mit Latex überzogenen Finger, wählte "Anwendung ausblenden", und der Desktop des Computers erschien. Brauner klickte auf eine Reihe von Ordnern. Alle waren leer.

"Das ist seltsam", sagte Brauner. "Was für ein Serienmörder geht hin und löscht den gesamten Computerinhalt seines Opfers?"

"Darf ich den Laptop mitnehmen, damit die Techniker ihn sich anschauen können?"

"Nein, noch nicht. Wir haben ihn schon nach Fingerabdrücken eingestaubt, aber ich möchte ihn aufmachen. Computer-Keyboards haben genauso viele Spalten wie Tasten. Darunter setzt sich alles mögliche Zeug fest. Mit etwas Glück finden wir ein Haar oder ein paar Stücke Epithelium des Mörders."

"Das bezweifle ich sehr", sagte Fabel bedrückt. "Dieser Bursche macht keine Fehler. Trotz seiner brachialen Mordmethode scheint er geradezu steril zu töten. Er lässt keine Spuren von sich selbst zurück."

"Einen Versuch ist es wert", meinte Brauner und versuchte vergeblich, einen ermutigenden Tonfall anzuschlagen. "Vielleicht haben wir trotz allem Glück."

"Bestimmt nicht. Kann ich Dr. Möller sagen, dass er jetzt reinkommen darf?"

Brauner lächelte. "Meinetwegen."

 

Auf dem Weg in die Diele schaute Fabel nach Anna Wolff, die unter ihrem stacheligen schwarzen Haar, der üblichen Wimperntusche und dem flammendroten Lippenstift gelblich aussah. "Schon in Ordnung, Chef. Entschuldigung. Diesmal hat's mich einfach erwischt."

Fabel lächelte beruhigend. "Kein Grund, sich zu entschuldigen, Anna. Das passiert jedem von uns mal. Außerdem wird deine Buße schlimm genug sein. Brauner und sein Team werden es dich nie vergessen lassen."

Werner tippte Fabel an der Schulter an. "Du wirst es nicht glauben, Jan, wir haben eine Ankunftszeit und eine Zeugin."

"Haben wir auch eine Beschreibung?"

"Keine großartige, aber immerhin."

Fabel machte ein ungeduldiges Gesicht. "Es ist eine Frau in der Etage unter uns", fuhr Werner fort. "Sie ist ungefähr dreißig Jahre alt und arbeitet für eine Werbeagentur oder etwas genauso Bedeutungsvolles. Egal, sie hat einen neuen Freund. Die beiden waren zum Trainieren in einem Fitness-Club und trafen gegen einundzwanzig Uhr hier ein. Ich habe den Eindruck, dass ihr Freund das Training fortsetzen wollte, auf horizontale Art, aber sie kennt ihn noch nicht lange genug, um ihn in ihre Wohnung einzuladen. Jedenfalls hat er um halb neun auf der anderen Straßenseite geparkt. Seine Scheinwerfer waren ausgeschaltet, und er gab sich offensichtlich Mühe, sie umzustimmen. Plötzlich sahen sie einen Mann, der sich zu Fuß näherte. Da sie kein Auto bemerkt haben, parkte er wohl, wenn er eines hatte, in einiger Entfernung. Der Mann fiel ihnen deshalb auf, weil er die Straße in beide Richtungen gründlich musterte, bevor er auf eine der Wohnungsklingeln drückte. Anscheinend guckte er sich sogar die Eingangshalle durch die Glastüren an."

"Also konnte sie ihn sich genau ansehen?"

"So genau, wie es zu der Tageszeit und aus einer solchen Entfernung möglich war." Werner klappte sein Notizbuch auf. "Hoch gewachsen und muskulös. Sie erwähnte vor allem seine breiten Schultern. Er schien in dieser Gegend nicht fehl am Platz zu sein und war gut gekleidet. Trug einen dunkelgrauen Anzug."

Also nicht mein kleiner, stämmiger Slawe mit den grünen Augen, dachte Fabel.

"Seine Haare waren blond und recht kurz geschnitten", fuhr Werner fort. "Aber hier ist etwas Seltsames. Sie sagt, er habe eine große Sporttasche, über die ein hellgrauer Regenmantel gelegt war, in der Hand gehabt."

"Sein Handwerkszeug", kommentierte Fabel mit leiser, bitterer Stimme.

"Die Frau ist sich sicher, dass sie ihm vor heute Abend nie begegnet ist, und der Hausmeister hatte nur eine einzige Vermutung, welcher Mieter es gewesen sein könnte, aber die Frau kennt ihn vom Sehen und ist sich sicher, dass er es nicht war. Außerdem hat sie ja beobachtet, wie der Verdächtige auf eine der Wohnungsklingeln drückte, also dürfte er keiner der Bewohner sein. Wir müssen noch ein paar Wohnungen überprüfen, denn manche sind zurzeit leer. Aber bis jetzt bestreiten alle, einen Besucher, auf den die Beschreibung passt, empfangen zu haben."

"Hat jemand ihn das Haus verlassen sehen?"

"Nein. Und niemand hat Geräusche eines Kampfes oder Hilferufe gehört. Es ist ein ziemlich solides Gebäude, aber trotzdem müsste doch jemand etwas gehört haben."

"Lass dich durch das Chaos da drin nicht täuschen, Werner. Dieser Bursche ist eiskalt und überlegt sich alles bis in die letzte Einzelheit. Wir werden auf die vollständige Autopsie warten, aber nach dem Zustand ihres Hinterkopfs zu schließen, war sie tot oder fast tot, bevor sie auf dem Fußboden aufschlug. Der Dreckskerl gab sich wahrscheinlich als Polizist aus, wohl als mich, und ließ sie vorangehen. Während sie ihm den Rücken zudreht, schlägt er ihr von hinten den Schädel ein. Danach hat er alle Zeit der Welt, seine kleine Werkzeugsammlung auszupacken und sich an die Arbeit zu machen."

Werner strich sich über die Stoppeln auf der Kopfhaut. "Der Kerl ist unheimlich, Jan. Er scheint sich nie einen Fehler zu leisten. Außer heute Nacht. Er hat die Straße nicht gründlich genug überprüft. Aber auch das hat nur zu einer kurzen Sichtung aus der Ferne geführt."

"Mal abwarten, was Brauner und Möller sagen." Fabel klopfte Werner ermunternd auf die fleischige Schulter. "Vielleicht hatte er heute einen schlechten Tag."

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7. Der Schwarm - Craig Russel

Anawaks Gedanken rasten. Wahrscheinlich war der Rumpf bereits an einigen Stellen gerissen. Er musste etwas tun. Vielleicht konnte er die Tiere irgendwie ablenken. Seine Hand fuhr zum Gashebel. Im selben Moment zerriss ein vielstimmiger Schrei die Luft. Aber er kam nicht von dem weißen Dampfer, sondern erscholl gleich hinter ihm, und Anawak wirbelte herum.
Der Anblick hatte etwas Surreales. Direkt über dem Boot der Tierschützer stand senkrecht der Körper eines riesigen Buckelwals. Beinahe schwerelos wirkte er, ein Wesen von monumentaler Schönheit, das krustige Maul den Wolken zugereckt, und immer noch stieg er weiter empor, zehn, zwölf Meter über ihre Köpfe hinweg. Den Herzschlag einer Ewigkeit lang hing er einfach nur so am Himmel, sich langsam drehend, und die meterlangen Flipper schienen ihnen zuzuwinken.
Anawaks Blick wanderte an dem springenden Koloss entlang. Nie hatte er etwas zugleich so Schreckliches und Großartiges gesehen, nie aus solcher Nähe. Alle, Jack Greywolf, die Menschen in den Zodiacs, er selber, legten den Kopf in den Nacken und starrten auf das, was nun auf sie zukommen würde.
»Oh mein Gott«, flüsterte er.
Wie in Zeitlupe neigte sich der Leib des Wals. Sein Schatten legte sich auf das rote Fischerboot der Umweltschützer, wuchs über den Bug der Blue Shark hinaus, wurde länger, als der Körper des Riesen kippte, schneller und immer schneller …
Anawak drückte das Gas durch. Das Zodiac schoss mit einem Ruck davon. Auch Greywolfs Fahrer hatte einen Blitzstart zuwege gebracht, aber seine Richtung stimmte nicht. Das klapprige Sportboot schlingerte auf Anawak zu. Sie prallten zusammen. Anawak wurde nach hinten gerissen, sah den Fahrer über Bord und Greywolf zu Boden gehen, dann raste das Boot in entgegengesetzter Richtung davon, während seines mit voller Fahrt wieder auf die Blue Shark zuhielt. Vor seinen Augen begruben die neun Tonnen Körpermasse des Buckelwals das Fischerboot unter sich, drückten es mitsamt seiner Besatzung unter Wasserund schlugen auf den Bug der Blue Shark. Gischt spritzte in gewaltigen Fontänen hoch. Das Heck des Zodiacs schoss steil nach oben, Menschen in roten Overalls wirbelten durch die Luft. Kurz balancierte die Blue Shark auf ihrer Spitze, pirouettierte um die eigene Achse und kippte seitwärts. Anawak duckte sich. Sein Boot schnellte unter dem umstürzenden Zodiac hindurch, schlug gegen etwas Massives unterhalb der Wasseroberfläche und sprang darüber hinweg. Vorübergehend verlor er den Boden unter den Füßen, dann endlich hielt er das Steuer wieder in Händen, riss es herum und bremste ab.
Ein unbeschreibliches Bild bot sich ihm. Vom Boot der Umweltschützer waren nur noch Trümmer zu sehen. Die Blue Shark trieb kieloben in den Wellen. Menschen hingen im Wasser, wild paddelnd und schreiend, andere reglos. Ihre Anzüge hatten sich selbständig aufgepumpt, sodass sie nicht versinken konnten, aber Anawak ahnte, dass einige von ihnen tot sein mussten, erschlagen vom Gewicht des Wals.
Ein Stück weiter sah er die Lady Wexham mit deutlicher Schlagseite Fahrt aufnehmen, umkreist von Rücken und Fluken. Ein plötzlicher Stoß erschütterte das Schiff, und es legte sich noch mehr auf die Seite. Vorsichtig, um niemanden zu verletzen, steuerte Anawak das Zodiac zwischen die treibenden Körper, während er einen kurzen Funkspruch auf Frequenz 98 losschickte und seine Position durchgab.
»Probleme«, sagte er atemlos. »Wahrscheinlich Tote.«
Alle Boote im Umkreis würden den Notruf hören. Mehr Zeit blieb ihm nicht. Keine Zeit zu erklären, was geschehen war. Ein Dutzend Passagiere waren an Bord der Blue Shark gewesen, außerdem Stringer und ihr Assistent. Hinzu kamen die drei Umweltschützer. Siebzehn Menschen insgesamt, aber im Wasser zählte er deutlich weniger.
»Leon!«
Das war Stringer! Sie schwamm auf ihn zu. Anawak ergriff ihre Hände und zog sie an Bord. Hustend und keuchend fiel sie ins Innere. In einiger Entfernung sah er die Rückenschwerter mehrerer Orcas. Die schwarzen Köpfe und Rücken hoben sich heraus, während sie mit hoher Geschwindigkeit auf den Unglücksort zuhielten.
Sie legten eine Zielstrebigkeit an den Tag, die Anawak nicht gefiel. Dort trieb Alicia Delaware. Sie hielt den Kopf eines jungen Mannes über Wasser, dessen Anzug nicht wie die anderen von Pressluft gebläht war. Anawak lenkte das Boot näher an die Studentin heran. Neben ihm stemmte sich Stringer hoch. Vereint hievten sie zuerst den bewusstlosen Jungen und dann das Mädchen an Bord. Delaware schüttelte Anawaks Hände ab, hängte sich sofort wieder über den Bootsrand und half Stringer, weitere Menschen ins Innere zu ziehen. Andere näherten sich aus eigener Kraft, reckten die Arme, und sie halfen ihnen hinein. Das Boot füllte sich schnell. Es war viel kleiner als die Blue Shark und eigentlich schon zu voll. Hastig griffen sie zu, während Anawak weiter die Wasseroberfläche absuchte.
»Da schwimmt noch einer!«, rief Stringer.
Ein menschlicher Körper hing reglos im Wasser, das Gesicht nach unten, der Statur nach männlich, mit breiten Schultern und Rücken. Kein Overall. Einer der Umweltschützer.
»Schnell!«
Anawak beugte sich über die Reling. Stringer war neben ihm. Sie packten den Mann bei den Oberarmen und zogen ihn hoch. Es ging einfach. Zu einfach. Der Kopf des Mannes fiel nach hinten, und sie sahen in blicklose Augen. Noch während Anawak den Toten anstarrte, wurde ihm bewusst, warum der Körper so leicht war. Er endete dort, wo die Taille gewesen war. Beine und Becken fehlten. Aus dem Torso baumelten tropfend Fleischfetzen, Arterien und Gedärme.
Stringer keuchte und ließ los. Der Tote kippte weg, entglitt Anawaks Fingern und klatschte zurück ins Wasser. Rechts und links von ihnen durchschnitten die Schwerter der Orcas das Wasser. Es waren mindestens zehn, vielleicht mehr. Ein Schlag erschütterte das Zodiac. Anawak sprang zum Steuer, gab Gas und fuhr los. Vor ihnen wölbten sich drei mächtige Rücken aus den Wellen, und er ging in eine halsbrecherische Kurve. Die Tiere tauchten ab. Zwei weitere kamen von der anderen Seite und hielten auf das Boot zu.
Wieder fuhr Anawak eine Kurve. Er hörte Schreie und Weinen. Auch er selber hatte schreckliche Angst. Sie durchfloss ihn wie elektrischer Strom, verursachte ihm Übelkeit, doch ein anderer Teil von ihm steuerte das Zodiac unbeirrt in einem aberwitzigen Slalom zwischen den schwarzweißen Körpern hindurch, die immer aufs Neue versuchten, ihnen den Weg abzuschneiden.
Ein Krachen ertönte von rechts. Anawak wandte reflexartig den Kopf und sah die Lady Wexham in einer Wolke aus Gischt erbeben und kippen. Später erinnerte er sich, dass es dieser Blick war, dieser eine Moment der Unaufmerksamkeit, der ihr Schicksal besiegelte. Er wusste, dass er nicht zu dem großen Schiff hätte hinüberschauen dürfen. Möglicherweise wären sie entkommen. Bestimmt hätte er den grau gesprenkelten Rücken gesehen und wie der Wal abtauchte, wie sich seine Fluke aus dem Wasser hob, direkt in Fahrtrichtung.
So sah er den herabsausenden Schwanz erst, als es zu spät war[...]

Leseprobe 2:

Vor Svalbard, Spitsbergen, Grönländische See
Auf dem Wasser lag das Mondlicht. Es war ein Anblick, der die Mannschaft an Deck trieb, so atemberaubend schön präsentierte sich das Eismeer in dieser Nacht. Selten sah man es so, aber Lukas Bauer bekam nichts davon mit. Er saß in seiner Kammer über seinen Unterlagen und kam sich vor wie jemand, der die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen sucht, nur dass der Heuhaufen die Größe zweier Meere besaß. Karen Weaver hatte ihre Sache gut gemacht und ihn wirklich entlastet, aber vor zwei Tagen war sie im spitsbergischen Longyearby von Bord gegangen, um dort Recherchen anzustellen. Sie führte ein unruhiges Leben, wie Bauer fand, obschon sein eigenes nicht eben ruhiger verlief. Als Wissenschaftsjournalistin hatte sie sich vor allem auf marine Themen verlegt. Bauer vermutete, dass Weavers Berufswahl einzig dem Umstand zu verdanken war, dass sie auf diese Weise kostenlos in die unwirtlichsten Regionen der Welt reisen konnte. Sie liebte das Extreme. Darin unterschied sie sich von ihm, der das Extreme von Herzen verabscheute, jedoch von solchem Forscherdrang besessen war, dass ihm Erkenntnis über Bequemlichkeit ging. Viele Forscher waren so. Missverstanden als Abenteurer, nahmen sie das Abenteuer in Kauf, um in den Besitz von Wissen zu gelangen. Bauer vermisste einen bequemen Sessel, Bäume und Vögel und ein frisch gezapftes deutsches Bier. Vor allem aber vermisste er Weavers Gesellschaft.
Er hatte das störrische Mädchen ins Herz geschlossen, und außerdem begann er, den Sinn und Zweck von Pressearbeit zu begreifen – dass man sich, wenn man eine breite Öffentlichkeit für die eigene Tätigkeit interessieren wollte, auf ein vielleicht nicht hoch präzises, dafür jedoch verständliches Vokabular verlegen musste.Weaver hatte ihm klargemacht, dass viele Menschen seine Arbeit schon darum nicht verstehen würden, weil sie gar nicht wussten, wie und wo der Golfstrom entsprang, um den sich alles drehte, was er in diesen Tagen unternahm.
Er hatte das nicht glauben können. Er hatte auch nicht glauben können, dass keiner wusste, was ein Autarker Drifter war, bisWeaver ihn davon überzeugte, dass es kaum jemand wissen konnte, weil Drifter viel zu neu und zu speziell waren. Das hatte er schließlich akzeptiert. Aber der Golfstrom! Was lernten die Kinder bloß in der Schule? Doch Weaver hatte Recht. Schließlich wollte er die Öffentlichkeit gewinnen, um sie teilhaben zu lassen an seiner Sorge, und um den Verantwortlichen Druck zu machen. Und Bauer sorgte sich sehr. Seine Sorge entsprang im Golf von Mexiko. Dorthin strömte entlang der südamerikanischen Küste und vom Süden Afrikas her warmes Oberflächenwasser. In der Karibik wurde es aufgeheizt und floss weiter nach Norden. Einladend warmes Wasser, zwar ziemlich salzig, aber weil es so warm war, blieb es an der Oberfläche.
Dieses Wasser bildete Europas Fernheizung, den Golfstrom. Bis Neufundland wälzte er sich und transportierte dabei eine Milliarde Megawatt Wärme, was der thermischen Leistung von 250 000 Kernkraftwerken entsprach, wo ihm der kalte Labradorstrom in die Seite fiel und ihn auflöste. Dabei wurden sogenannte Eddies abgeschnürt, kreisende, warme Wassermassen, die weiter nach Norden trieben, nun Nordatlantische Drift genannt. Westwinde sorgten dafür, dass reichlich Wasser verdunstete, was Europa ergiebige Regenfälle bescherte und zugleich den Salzgehalt in die Höhe trieb. Die Drift zog weiter die norwegische Küste hoch, firmierte dort als Norwegenstrom und brachte immer noch genug Wärme in den äußersten Nordatlantik, dass Schiffe selbst im Winter Südwestspitsbergen anlaufen konnten. Erst zwischen Grönland und Nordnorwegen endete der Wärmezufluss. Hier stieß der Norwegenstrom alias Nordatlantische Drift alias Golfstrom auf eiskaltes Arktiswasser, das ihn, unterstützt von kalten Winden, rapide abkühlte. Das ohnehin sehr salzige, nun auch sehr kalte Wasser wurde schwer und sackte ab. So schwer wurde es, dass seine Massen steil in die Tiefe stürzten. Das geschah nicht auf ganzer Front, sondern in Kanälen, sogenannten Schloten, die je nach Wellengang ihre Position wechselten und darum nicht auf Anhieb zu finden waren. Sinkschlote hatten einen Durchmesser zwischen 20 und 50 Metern. Etwa zehn von ihnen kamen auf einen Quadratkilometer, aber wo genau sie lagen, hing von der Tagesform des Meeres und der Winde ab. Entscheidend war der ungeheure Sog, den die absinkenden Wassermassen erzeugten. Hierin lag das ganze Geheimnis des Golfstroms und seiner Ausläufer.
Er floss nicht wirklich nach Norden, sondern wurde dorthin gezogen, angesaugt von der gewaltigen Pumpe unterhalb der Arktis. In 2000 bis 3000 Metern Tiefe trat das eisige Wasser dann seinen Rückweg an, eine Reise, die es einmal um den Erdball führte. Bauer hatte eine Reihe von Driftern ausgesetzt in der Hoffnung, dass sie dem Verlauf der Schlote folgen würden. Aber inzwischen drohte ihn der Mut zu verlassen, überhaupt auf Schlote zu stoßen. Überall hätten sie sein müssen. Stattdessen schien die große Pumpe ihren Betrieb eingestellt oder in unbekannte Regionen verlegt zu haben. Bauer war hier, weil er um diese Probleme wusste und um ihre Auswirkungen.
Er hatte nicht erwartet, alles in bester Ordnung vorzufinden. Aber gar nichts vorzufinden hatte er noch viel weniger erwartet. Und es bereitete ihm wirklich sehr, sehr große Sorgen. Er hatte Weaver seine Sorgen mitgeteilt, bevor sie von Bord gegangen war. Seither mailte er ihr folgsam in regelmäßigen Abständen Statusberichte und ließ sie an seinen geheimsten Befürchtungen teilhaben. Schon vor Tagen hatte sein Team festgestellt, dass die Gaskonzentrationen im Nordmeer sprunghaft angestiegen waren, und er brütete über der Frage, ob es womöglich einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der Sinkschlote gab.
Jetzt, allein in seiner Kammer, war er dessen fast sicher. Er arbeitete ohne Pause, während die Polarnacht hart gesottene Seeleute dazu brachte, einfach an der Reling zu lehnen und hinauszusehen. Mit rundem Rücken saß er über Stapeln von Berechnungen, Ausdrucken mit Diagrammen und Karten. Zwischendurch schickte er eine EMail an Karen Weaver, einfach um Hallo zu sagen und sie mit seinen letzten Erkenntnissen vertraut zu machen.
So versunken war er in seine Arbeit, dass er es eine ganze Weile schaffte, das Zittern zu ignorieren – so lange, bis der Becher Tee auf seinem Schreibtisch zur Kante gewandert war und sich im Kippen auf seine Hose ergoss.
»Teufel auch!«, zeterte er. Der Tee lief heiß in seinen Schritt und an den Schenkeln herab. Er schob den Stuhl zurück und stand auf, um das Malheur näher in Augenschein zu nehmen. Dann verharrte er, die Hände um die Stuhllehnen gekrallt, und horchte hinaus.
Täuschte er sich?
Nein, er hörte Schreie. Schwere Stiefel rannten über das Deck. Irgendetwas ging da draußen vor sich. Das Zittern wurde heftiger. Das Schiff verfiel in Vibrationen, und plötzlich hebelte ihn etwas aus dem Gleichgewicht. Ächzend stolperte er gegen seinen Schreibtisch. Im nächsten Moment sackte der Boden unter ihm weg, als ob das komplette Schiff in ein Loch fiele. Bauer wurde rücklings zu Boden geschleudert. Angst nahm Besitz von ihm, tiefe, schreckliche Angst. Er rappelte sich auf und taumelte aus seiner Kammer hinaus auf den Gang. Lautere Schreie drangen an sein Ohr. Die Maschine wurde angeworfen. Jemand brüllte etwas auf Isländisch, das Bauer nicht verstand, weil er nur Englisch sprach, aber er hörte das Entsetzen in der Stimme, und noch größeres Entsetzen in der Stimme, die antwortete.
Ein Seebeben? Hastig lief er den Gang entlang und die Treppe hinauf zum Deck.
Das Schiff schwankte wie wild hin und her. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Als er nach draußen wankte, schlug ihm ein entsetzlicher Gestank entgegen, und mit einem Mal wusste Lukas Bauer, was los war. Er schaffte es zur Reling und sah hinaus. Ringsum brodelte weiß die See. Als säßen sie in einem Kochtopf.
Das waren keine Wellen. Kein Sturm. Es waren Blasen. Riesige, aufsteigende Blasen. Wieder sackte der Schiffsboden weg. Bauer fiel nach vorn und schlug mit dem Gesicht hart auf die Planken. In seinem Kopf explodierte der Schmerz. Als er wieder aufsah, war seine Brille zu Bruch gegangen. Ohne Brille war er so gut wie blind, aber er sah auch so, dass die See über dem Schiff zusammenschlug.
Oh Gott!, dachte er. Oh Gott, hilf uns [...]

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8. Die Wanderhure - Iny Lorentz

Auf Utz’ Aufforderung hin brachte der Schreiber eine Talglampe herbei und zündete sie an einer der vielen Kerzen an. Der Mann sah dabei so elend aus, als wäre es seine eigene Tochter, die beschuldigt wurde. »Wir sollten es hinter uns bringen«, sagte er wie zu sich selbst, sah sich aber nur hilflos um, als erwarte er eine Aufforderung.

Meister Jörg nahm ihm schließlich die Lampe ab und wies den anderen den Weg. Vor Maries Kammer blieb er stehen und pochte gegen die Tür. »Mach auf, Kind. Dein Vater will mit dir sprechen.«

Wenig später blickte Marie verschlafen heraus. »Was ist geschehen, Vater?«

»Marie, man hat schlimme Anklage gegen dich erhoben«, erklärte der Leinweber an Matthis’ Stelle.

Das Mädchen sah ihn verständnislos an. »Was wollt Ihr damit sagen, Meister Gero?«

»Hier sind Männer, die behaupten, du wärst keine reine Jungfrau mehr, sondern hättest dich dem Teufel der Wollust hingegeben.« Seine Stimme hallte durch das Haus, und sein Blick saugte sich an Maries Gestalt fest, deren Formen sich deutlich unter dem dünnen Nachthemd abzeichneten.

Marie verschränkte die Arme über der Brust, denn sie schämte sich, kaum bekleidet vor fremden Männern zu stehen. »Ich verstehe Euch nicht. Was soll ich getan haben?«

Magister Ruppertus schob den Leinweber beiseite und streifte Marie mit einem angewiderten Blick. »Hier sind Zeugen, ehrenwerte Männer, die bei Gott und allen Heiligen schwören, mit dir Hurerei getrieben zu haben.«

»Bei der Heiligen Jungfrau, das ist nicht wahr!«Marie sah ihren Vater Hilfe suchend an und streckte die Arme nach ihm aus, doch Meister Matthis beachtete sie noch nicht einmal. Keuchend lehnte er an der Wand und starrte zu Boden, als schäme er sich für seine Tochter.

»Vater, warum wendest du dich von mir ab? Glaubst du wirklich, ich hätte so etwas Schreckliches getan?«Marie wollte auf ihn zulaufen, doch der Magister vertrat ihr den Weg und stieß sie in die andere Ecke des Flurs. Dann zeigte er auf ihre Kammer. »Gleich werden wir den Beweis haben. Meister Jörg, Meister Gero, ihr seid weder Zeugen noch Beschuldigte. Deswegen bitte ich euch, den Raum zu durchsuchen.«

Marie war so geschockt, dass sie sich nicht zu rühren wagte, als die beiden Handwerksmeister den Raum betraten und ihr Bett, die Borde und ihre Truhe absuchten. Da die beiden Männer betrunken waren, warfen sie Kleidung und Aussteuer rücksichtslos zu Boden und trampelten darauf herum.

Plötzlich stieß Meister Jörg einen triumphierenden Ruf aus und hob die Hand. Ein weißer Perlmuttschmetterling glänzte zwischen seinen Fingern. »Da ist das Schmuckstück, von dem du gesprochen hast, Utz Käffli! Du hast die Wahrheit gesagt.«

Marie stolperte nach vorne und starrte den Schmetterling an. »Aber das Ding gehört mir nicht. Ich habe es noch nie gesehen.«

Ruppert riss sie zurück. »Leugnen hilft dir jetzt nichts mehr, du schmutzige Dirne. Du hast dieses Schmuckstück von Utz Käffli für die Gewährung deiner Gunst erhalten.«

»Ich soll eine Liebschaft mit dem Mann da gehabt haben? Aber das ist nicht wahr!« Marie sah dem Fuhrmann in die Augen. »Warum verleumdest du mich?«

»Warum sollte ich dich verleumden? Ich war doch nicht der Einzige, den du über dich gelassen hast.« Der Fuhrmann leckte sich dabei die Lippen, als schwelge er noch in der Erinnerung an ihr Beisammensein.

Marie wich angeekelt vor ihm zurück. »Wie kannst du so etwas Schmutziges behaupten?«

Meister Gero stieß Linhard nach vorne, der sich bislang außerhalb des Lichtkegels in eine Ecke gedrückt hatte. »Hier, der Schreiber deines Vaters hat ebenfalls gestanden, mit dir Unzucht getrieben zu haben.«

Marie schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. »Aber das ist doch alles nicht wahr! Bei Jesus Christus und allen Heiligen, ich bin noch Jungfrau.«

»Leugnen nützt dir nichts mehr, Hure! Du hast meine Ehre beschmutzt, und ich bestehe auf einem Prozess, um die Schwere deiner Schuld zu ergründen.« Der Magister drehte Marie den Rücken zu, als könne er ihren Anblick nicht mehr ertragen, und deutete mit dem Zeigefinger auf Meister Matthis.

»Nach den Gesetzen der heiligen Kirche und des Kaisers ist es einem der Hurerei angeklagten Weib nicht gestattet, unter dem Dach eines ehrbaren Hauses zu verweilen. Daher wird Eure Tochter den Rest der Nacht im Kerker verbringen müssen. Meister Gero, seid so gut und ruft den Vogt und seine Büttel herbei, damit sie die Metze abführen.«

Die harten Worte des Magisters durchdrangen die Leere, die sich in Meister Matthis’ Kopf breit gemacht hatte, und er heulte auf wie ein verwundetes Tier. »Nein! Nein! Das ist mein Haus! Ich lasse nicht zu, dass meine Tochter daraus verschleppt wird.« Ein noch funktionierender Teil seines Verstandes sagte ihm, dass es wohl das Beste war, wenn er Konstanz nach diesem Abend so schnell wie möglich verließ, um seine Tochter aus Rupperts Nähe zu bringen. Als hätte der Magister seine Gedanken gelesen, stieß sein Zeigefinger wie ein Messer auf ihn zu.

»Wollt Ihr Euch gegen das Gesetz des Kaisers stellen?« Obwohl Rupperts Stimme nicht lauter wurde, zuckten die Umstehenden wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

Mombert Flühi versuchte zu vermitteln. »Mäßigt Euren Zorn, Magister Ruppertus, und lasst uns erst einmal über die ganze Sache reden. Ich kenne Marie von Kindheit an und kann mir nicht vorstellen, dass sie unbemerkt von uns allen zur Dirne wurde. Nein, so ein Vergehen traue ich ihr nicht zu.«

Rupperts Gesicht blieb regungslos wie eine Maske. »Vergehen, sagt Ihr? Was dieses Weib getan hat, ist ein Verbrechen gegen die von Gott gewollte Ordnung und die Gesetze des Kaisers. Wenn eine vordem unbescholtene Jungfrau der Hurerei überführt wird, kann der Mann, dem sie anverlobt wird, sie töten, ohne eine Strafe befürchten zu müssen.«

Mombert fuhr entsetzt auf. »Das könnt Ihr doch nicht tun!«

»Ich bin ein Mann der Feder und nicht des Schwertes. Ich lasse das Gericht urteilen. Und nun schafft die Metze endlich weg.«

Mombert gab sich noch nicht geschlagen. »Aber wenn alles nicht stimmt, wenn Marie doch noch Jungfrau ist …«

»Das wird sich morgen früh erweisen. Ich lasse sie von einer ehrbaren Matrone untersuchen. Ist sie noch Jungfrau, werden der Fuhrmann und der Schreiber als Verleumder in den Kerker geworfen und angeklagt, während ich meine Hochzeit mit Marie prachtvoll feiern werde.«

»Dagegen kann man nichts sagen«, fand Meister Jörg. »Magister Ruppertus ist ein mit den Gesetzen vertrauter Mann und weiß, was zu tun ist.«

»Vater! Nein! Du darfst nicht zulassen, dass man mich wegbringt. Glaubst du wirklich, ich wäre so schlecht, wie diese Lügner da behaupten?« Maries Stimme klang wie die einer Ertrinkenden.

Sie begriff die Wendung nicht, die ihr Schicksal genommen hatte, und suchte verzweifelt nach einem Halt. Ihr Vater schien ihre Not nicht zu kümmern, denn er starrte immer noch zu Boden und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Magister Ruppertus aber stand wie ein strafender Engel vor ihr oder vielmehr wie ein böser Geist, dem es Freude zu machen schien, sie zu verdammen. Marie fragte sich verzweifelt, warum er den Aussagen der beiden Männer mehr Glauben schenkte als ihr.

Sie sah ihren beiden Verleumdern ins Gesicht, um festzustellen, ob sie sich nicht für ihre Lügen schämten. Linhard drehte sofort seinen Kopf weg, Utz aber grinste und ließ seine Zunge zwischen den schadhaften Zähnen spielen. Schnell wandte Marie sich ab, der Mann machte ihr Angst.

Meister Gero kehrte, kaum dass er weggegangen war, mit einem der Stadtbüttel zurück. »Ich habe Hunold unten in der Gasse getroffen. Es wird wohl reichen, wenn er die Sünderin in den Kerker bringt.«

Hunold überragte die Männer um ihn herum um mehr als einen Kopf. Seine Arme waren dicker als die Oberschenkel normal gewachsener Männer, und die Muskeln auf seinem Brustkorb glichen armdicken Tauen. Er grinste breit, als erheitere ihn die Situation, und verbeugte sich vor Magister Ruppertus.

»Immer zu Diensten, edler Herr.«

»Schaff die Hure da in den Kerker. Ich werde dafür sorgen, dass sie morgen abgeurteilt wird.«

Hunold streifte Marie mit einem begehrlichen Blick und schüttelte den Kopf.

»Im Stadtkerker und in der bischöflichen Pfalz sitzen üble Burschen ein. So ein leckeres Vögelchen würde ich denen nicht zum Fraß vorwerfen.«

Der Magister quittierte den Einwand mit einer ärgerlichen Geste. »Dann sperr sie irgendwo ein, wo sie sicher verwahrt ist.«

»Zu den Mönchen ins Inselkloster kann ich sie auch nicht bringen. Da bleibt nur noch der Ziegelturm übrig, dessen Keller derzeit leer steht.«

»Dann schaff sie dorthin.« Der Magister klang gereizt.

Hunold zog einen Strick aus dem Gürtel, band Maries Arme auf den Rücken und stieß sie Richtung Treppe.

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9. Die Kastellanin- Iny Lorentz

 

 

 

 

 

Maries Blick schweifte kurz über die versammelten Jäger und kehrte wieder zu ihrem Mann zurück. Er saß auf seinem Pferd, als wäre er damit verwachsen, und führte den Zügel scheinbar achtlos mit der Linken, da er in der rechten Hand die zum Schuss gespannte Armbrust hielt. Neben ihm ritt ihr Gastgeber Konrad von Weilburg, ein ebenfalls stattlich zu nennender Mann. Beide waren mittelgroß und hatten breite, muskulöse Schultern, doch während der Weilburger bereits einen kräftigen Bauchansatz aufwies, hatte Michel immer noch die schlanke Taille und die schmalen Hüften eines jungen Mannes, und sein Gesicht mit der breiten Stirn unter den dunkelblonden Haaren, den hellen Falkenaugen und dem kräftigen Kinn wirkte energischer als das seines Gastgebers. Konrad von Weilburg verzichtete selbst bei der Jagd nicht auf hautenge Strumpfhosen und ein kunstvoll besticktes Wams, während Michel lange, bequeme Reithosen und eine einfache Lederweste mit halblangen Ärmeln über einem grünen Hemd trug. Seine Füße steckten in festen Stiefeln, und nur das mit zwei Fasanenfedern geschmückte Barett verriet dem Beobachter, dass er kein Knecht war, sondern der Ministrale eines hohen Herrn.

Michel musste Maries Blick gefühlt haben, denn er drehte sich noch einmal um, schwenkte übermütig die Armbrust und schenkte ihr ein verliebtes Lächeln, bevor er sein Pferd antrieb und hinter dem

herbstbunten Laub des Waldes verschwand. Marie musste an jenen Tag vor zehn Jahren denken, an dem man sie mit ihrem Jugendfreund verheiratet hatte. Das »Ja, ich will!«, nach dem man sie bei

der Trauung im Inselkloster noch nicht einmal gefragt hatte, würde sie heute zu jeder Tages- und Nachtzeit sprechen, so glücklich war sie mit Michel geworden.

Irmingard von Weilburg lenkte ihre Rappstute neben Maries Pferd und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Wir können mit unseren Männern wirklich zufrieden sein. Beide sehen gut aus und sind von

angenehmer Gemütsart, und was die gemeinsamen Nächte betrifft, so hätte ich es mit meinem Konrad nicht besser treffen können. Aber nun kommt, lasst uns zum Sammelpunkt zurückkehren. Ich

schieße ebenso ungern auf Tiere wie Ihr, Jagd ist in meinen Augen Männerwerk, genau wie der Krieg. Außerdem habe ich Appetit auf einen Schluck Würzwein, auch wenn er gewiss nicht so gut schmecken wird wie der, den Ihr uns letztes Jahr kredenzt habt.« Sie leckte sich noch in der Erinnerung daran die Lippen.

Marie lachte auf. »Oh ja, der ist wirklich gut gewesen. Die Kräuter hat mir meine Freundin Hiltrud, die Ziegenbäuerin, gemischt. Sie kennt die Geheimnisse vieler Pflanzen und weiß, welche von ihnen Krankheiten heilen können und welche einfach nur gut schmecken.«

»Ich kenne die Ziegenbäuerin. Als meine Schwarzmähne«, Frau Irmingard klopfte auf den Hals ihrer Stute, »letztens an einer schweren Kolik litt, habe ich unseren Stallknecht zu ihr geschickt, um mir

einen Trank für mein Stutchen zubereiten zu lassen. Kaum hatte ich Schwarzmähne den Sud eingeflößt, ging es ihr auch schon besser, und sie ist über Nacht wieder gesund geworden.«

Marie freute sich über das Lob. Die Ziegenbäuerin war mehr als nur ihre beste Freundin, denn diese hatte sie einst halb tot am Straßenrand aufgesammelt, sie gesund gepflegt und ihr geholfen, die fünf

schlimmsten Jahre ihres Lebens zu überstehen. Es gab nur einen einzigen Menschen, der ihr näher stand als Hiltrud, und das war ihr Michel, mit dem sie eine immer inniger gewordene Liebe verband.

Erst als ihr Reittier unwillig den Kopf hochwarf, bemerkte Marie, dass Frau Irmingard sie immer noch auffordernd anblickte, und  nickte ihr zu. »Ich habe nichts dagegen, die Jagd vom Sammelplatz aus zu verfolgen, denn im Gegensatz zu Euch bin ich keine gute Reiterin und liebe es nicht, über Stock und Stein zu galoppieren.«

Das war noch eine Untertreibung, denn Marie zog es vor, mit der lammfrommen Stute, die Michel ihr besorgt hatte, im Schritt oder gemütlichen Trab über feste Straßen und Wege zu reiten. Im Sattel

fühlte sie sich immer noch nicht besonders wohl. Sie war in Konstanz aufgewachsen, einer Stadt, in der man Markt und Kirche zu Fuß erreichen und die Orte der Umgebung mit einem Schiff besuchen

konnte, und hatte dort nie auf  einem Pferd gesessen. Später, in den Jahren ihrer Verbannung, war sie viele tausend Meilen weit zu Fuß gegangen, aber als Frau eines Burghauptmanns durfte sie

nicht einfach herumspazieren wie eine Magd, sondern musste, wenn sie die Nachbarburgen oder den Ziegenhof ihrer Freundin Hiltrud besuchen wollte, entweder einen Wagen benutzen oder in den Sattel

steigen. Da sie nicht jedes Mal anspannen lassen wollte, wenn sie die Sobernburg verließ, hatte sie Michel gebeten, ihr das Reiten beizubringen, aber ihr war nach kurzer Zeit schon klar geworden, dass

sie nie eine solch unerschrockene Amazone werden würde wie Frau Irmingard, die diesjährige Gastgeberin der ersten Herbstjagd. Es war in diesem Landstrich Brauch, dass einer der Burgherren und seine Gemahlin die Zeit der Herbstjagden festlich eröffneten und dazu sämtliche Nachbarn von den Burgen der Umgebung einlud.

Während Marie ihren Gedanken nachhing, plauderte Frau Irmingard unentwegt weiter. Die Herrin der Weilburg stammte aus adligem Hause wie auch die anderen hier versammelten Burgherren und

ihre Damen, während Marie und ihr Mann bürgerlicher Herkunft waren. Das hatte Ludwig von der Pfalz nicht gehindert, Michel als Vogt des Amtes Rheinsobern über die meisten der hier anwesenden

Standesherren zu setzen. Irmingard und Konrad hatten dennoch mit ihnen Freundschaft geschlossen, und sie pflegten gutnachbarliche Beziehungen. Fast alle, die zum Rheinsoberner Amt gehörten,

hatten Michels Position ebenfalls akzeptiert, und diejenigen, die sich über die nicht standesgemäße Herkunft des Paares auf der Sobernburg mokierten, zeigten ihre Ablehnung nicht offen, denn

niemand wollte sich die Feindschaft eines Mannes zuziehen, der so hoch in der Gunst des Pfalzgrafen stand wie Michel Adler. Es konnte ja nur eine Frage der Zeit sein, bis Herr Ludwig seinen treuen Gefolgsmann zum Ritter schlagen würde. Irmingard musterte Marie, die ihr doch etwas zu still geworden war.

»Euer neues Gewand kleidet Euch prächtig. Wollt Ihr so gut sein, mir den Schnitt zu zeigen?«

»Gerne.« Marie tauchte aus ihrer Versunkenheit auf und lächelte ihrer geduldigen Gastgeberin dankbar zu. Nun gesellten sich noch andere Damen zu ihnen, die den Jagdtrupp bereits verlassen hatten. Jede kannte irgendwelchen neuen Klatsch, und so entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, die auch nicht endete, als sie den unterhalb der Weilburg gelegenen Sammelplatz erreichten, auf dem bereits alles für den festlichen Umtrunk und ein reichlich bemessenes Mahl vorbereitet worden war. Marie und ihre Begleiterinnen waren kaum aus den Sätteln gestiegen, da reichten ihnen die Pagen, die in die Farben des Weilburgers gekleidet waren, Becher mit heißem Würzwein. Trotz des durch kaum eine Wolke getrübten Sonnenscheins war es jetzt, Ende Oktober, bereits empfindlich kühl und ein Trunk, der von innen wärmte, jedermann willkommen. Das Getränk war so heiß, dass Marie sich beinahe die Lippen verbrannt hätte, schmeckte jedoch besser, als Irmingard es prophezeit hatte.

»So ein Schluck tut immer gut«, sagte Frau Luitwine von Terlingen zufrieden und streckte einem Pagen auffordernd ihr leeres Trinkgefäß hin. Marie ließ es bei dem einen Becher bewenden und sah den Jagdknechten zu, die das erlegte Wild herbeibrachten und am Rand des Platzes aufreihten. Die Strecke, die den noch mit Eis aus dem letzten Winter gekühlten Vorratskeller auf der Weilburg füllen

würde, war schon jetzt recht beachtlich.

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10. Das Vermächtnis der Wanderhure -Iny Lorentz

 

 

 

 

Schreie von Kriegern und Pferden hallten misstönend in Maries Ohren, und über dem Schlachtenlärm lag der Klang hussitischer Feldschlangen, die Tod und Verderben in die dicht gedrängten Reihen der deutschen Ritter spien. Sie sah böhmisches Fußvolk in blauen Kitteln mit kleinen, federgeschmückten Hüten wie die Woge einer Sturmflut auf das eisenstarrende kaiserliche Heer zurollen. Zwar schützten sich die Angreifer nur durch Lederpanzer und kleine Rundschilde, doch sie schienen zahllos zu sein, und über ihren Köpfen blitzten Hakenspieße und die Stacheln der Morgensterne.

Nun vernahm sie Michels Stimme, der seine Leute zum Standhalten aufforderte. Dennoch löste sich an anderen Stellen die Formation der Deutschen auf, und ihre Schlachtreihe bröckelte wie ein hart gewordener Laib Brot, den man mit den Händen zerreibt, um ihn an die Schweine zu verfüttern. In diesem Moment begriff Marie, dass Kaiser Sigismund die Seinen in eine vernichtende Niederlage geführt hatte. Sie stöhnte auf und zog Trudi enger an sich.

Da stürmte einer der fliehenden Ritter direkt auf sie zu. Sein Visier stand offen, und sie erkannte Falko von Hettenheim. Er blieb vor ihr stehen und wies mit dem Daumen auf Michel, der von einer dichten Traube böhmischer Rebellen umzingelt war. »Diesmal opfert sich dein Mann für den Kaiser. Gleich wird er krepieren, und nichts kann dich mehr vor meiner Rache schützen!«

Marie versteifte sich und tastete nach dem Dolch, den sie in einer Falte ihres Kleides verborgen hielt, mochte die Waffe auch im Vergleich zu dem Schwert des Ritters eine Nadel sein. Falko von Hettenheim hob die Klinge zum Schlag, hielt aber mitten in der Bewegung inne und lachte auf. »Ein schneller Tod wäre eine zu leichte Strafe für dich, Hure. Du sollst leben und dabei tausend Tode sterben!« Er griff mit der gepanzerten Rechten nach Trudi, riss das Kind an sich und wandte sich hohnlachend ab.

Mit einem verzweifelten Schrei wollte Marie ihm folgen, um ihre Tochter zu retten. Im gleichen Augenblick packte jemand sie an der Schulter und schüttelte sie kräftig.

»Wacht auf, Herrin!«

Marie schreckte hoch und öffnete die Augen. Da gab es keinen Falko von Hettenheim mehr, auch keine Böhmen und keine deutschen Ritter, sondern nur ein friedliches grünes Ufer und keinen träge fließenden Strom. Sie selbst befand sich auf einem schlanken, von zwei hurtigen Braunen getreidelten Flussschiff und sah Anni und Michi vor sich stehen, die sie sichtlich besorgt musterten.

»Was ist mit Euch, Frau Marie? Seid Ihr krank?«, fragte der Junge.

»Nein, mir geht es gut. Ich bin wohl kurz eingeschlafen und habe schlecht geträumt.«Marie erhob sich, brauchte aber die helfende Hand ihrer Leibmagd, um sicher auf den Beinen zu stehen. »Schlechte Träume nicht gut.« Inzwischen vermochte Anni sich zwar fließend auszudrücken, aber wenn sie sich aufregte, fiel sie in ihr früheres Stammeln zurück.

Marie lächelte ihr beruhigend zu und trat an den Rand der Barke. Während sie den grünen Auwald betrachtete, der an dieser Stelle bis in den Strom hineinwuchs und die Pferde zwang, durch das Wasser zu laufen, glitten ihre Gedanken wieder zu dem Traum zurück. Sie hatte ihn so intensiv erlebt, dass sie den Geruch des verschossenen Pulvers noch in ihrer Nase zu spüren glaubte. Darüber wunderte sie sich, denn Michel und sie waren den böhmischen Verwicklungen fast unversehrt entkommen, und es bestand auch keine Gefahr, wieder hineingezogen zu werden. Den Verräter Falko von Hettenheim hatte die Strafe des Himmels ereilt, und ihr Ehemann weilte auf Kibitzstein, dem Lehen, das Kaiser Sigismund ihm verliehen hatte. Sie aber hatte sich aufgemacht, ihre Freundin Hiltrud auf deren Freibauernhof in der Nähe von Rheinsobern zu besuchen.

Gerne hätte sie den Besuch bis ins Frühjahr aufgeschoben, um auf dem Rückweg nicht in kaltes, stürmisches Herbstwetter zu geraten. Doch dann hatte sie zu ihrer und Michels übergroßen Freude festgestellt, dass sie schwanger war. Sie wollte Michels Patensohn Michi jedoch persönlich nach Hause bringen, denn Hiltrud hatte ihren Ältesten seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen, und ohne den Jungen hätten Michel und sie in Böhmen ein grausames Ende gefunden. Marie war Hiltrud überaus dankbar, dass die Freundin ihr bei jener Flucht aus der Pfalz ihren Sohn mitgegeben hatte, obwohl diese nicht von ihrem Plan überzeugt gewesen war.

Nun würde Hiltrud zugeben müssen, dass Marie damals Recht gehabt hatte. Das war auch anderen klar geworden, zuvorderst Pfalzgraf Ludwig, der sie nach dem angeblichen Tod ihres Mannes neu hatte vermählen wollen. Doch als Falko von Hettenheim behauptet hatte, Michel sei von Hussiten umgebracht worden, war sie überzeugt gewesen, dass er log. Sie wusste, dass der Ritter ihrem Mann den Aufstieg neidete, und hatte deswegen sofort vermutet, er habe Michel verletzt in den böhmischen Wäldern zurückgelassen, damit dieser einen qualvollen Tod in hussitischer Gefangenschaft erleide. Dieser Ahnung war sie nach Osten gefolgt, und sie hatte tatsächlich Recht behalten. Michel hatte dank der Hilfe friedlicher Tschechen überlebt, und gemeinsam war es ihnen schließlich sogar gelungen, dem Kaiser eine Botschaft von treu gebliebenen böhmischen Adeligen zu überbringen.

»Du bist heute aber sehr in Gedanken.« Anni blickte Marie verwundert an, denn ihre Herrin und Freundin war normalerweise gelassen und aufmerksam. Ihr Sinnieren musste wohl mit ihrer Schwangerschaft zusammenhängen. Sie wusste, dass Frau Marie und ihr Mann sich diesmal einen Sohn erhofften, dem Michel das Lehen würde vererben können. Mit Trudi gab es schon eine Tochter, aber die würde später einen Ritter heiraten und Herrin auf dessen Burg werden. Der Kaiser hatte zwar erlaubt, dass sie das Lehen erben konnte, doch selbst dann würde es keine weiteren Adler auf Kibitzstein geben, sondern den Sippennamen eines anderen Geschlechts.

»Da hat eben ein Langohr das andere Esel genannt«, spöttelte Marie über Anni, die jetzt ebenfalls gedankenverloren vor sich hin starrte, und bat sie, ihr ein wenig mit Wasser vermischten Wein zu bringen. Während ihre Magd den Becher suchte, der von der als Tisch dienenden Frachtkiste gefallen und über das Deck gerollt war, versuchte Marie, die düstere Vorahnung abzuschütteln. Die Tatsache, dass sie ausgerechnet von dem ehrlosen Mörder und Verräter Falko von Hettenheim geträumt hatte, erschien ihr als schlechtes Omen.

Um die Bilder des Traums wegzuschieben, richtete sie ihre Gedanken auf die Ankunft in Rheinsobern. Sie fieberte dem Wiedersehen mit ihrer alten Freundin entgegen, von der sie von ihrem siebzehnten Lebensjahr an bis zu dem böhmischen Abenteuer nie lange getrennt gewesen war. Damals, vor mehr als anderthalb Jahrzehnten, hatte Hiltrud ihr das Leben gerettet, und sie waren gemeinsam als Ausgestoßene, als wandernde Huren, von Markt zu Markt gezogen und hatten ihre Körper so oft wie möglich verkaufen müssen, um überleben zu können. Als sich ihr Geschick nach fünf Jahren gewendet hatte, war aus Hiltrud eine geachtete Freibäuerin und aus ihr die Ehefrau eines Burghauptmanns geworden, den der Kaiser nach einer verlustreichen Schlacht zum freien Reichsritter ernannt hatte. In Augenblicken wie diesem erschien Marie ihr und Michels Aufstieg zu steil, und ihr schwindelte allein bei dem Gedanken an ihren neuen Stand und die Pflichten und Rechte, die dieser mit sich brachte.

Mit einem Mal fragte sie sich, was ihr Vater wohl zu alledem gesagt hätte. Als sie siebzehn gewesen war, hatte er es als das größte Glück angesehen, sie mit dem illegitimen, vermögenslosen Sohn eines Reichsgrafen verheiraten zu können. Doch der war ein ebenso gewissenloser Schurke gewesen wie Falko von Hettenheim und hatte mit seinen Intrigen dafür gesorgt, dass sie nicht in ein geschmücktes Brautbett gelegt, sondern der Hurerei beschuldigt und verhaftet worden war. Schwer verletzt wurde sie aus der Stadt vertrieben, während ihr Verlobter ihren Vater um sein Vermögen brachte. Sie hatte überlebt, weil sie fest davon überzeugt gewesen war, sich irgendwann an ihrem Verderber rächen zu können. Das war ihr auch gelungen, indem sie sich den wütenden Protest der zum Konzil nach Konstanz gereisten Huren über die Zustände in der Stadt zunutze gemacht und Kaiser Sigismund selbst dazu gezwungen hatte, sie zu rehabilitieren. Da jedoch niemand wusste, was man mit einer wieder zur Jungfrau erklärten Hure anfangen sollte, hatte man sie kurzerhand mit ihrem Jugendfreund Michel verheiratet, und gegen ihre Erwartungen war sie mit ihm sehr, sehr glücklich geworden.

»Ich weiß nicht, wer das größere Langohr von uns beiden ist, Marie. Du denkst zu viel nach. Das ist nicht gut für das Kleine, das du in dir trägst.« Nach ihren gemeinsamen Erlebnissen in Böhmen als Sklavinnen der Hussiten konnte Anni sich nicht daran gewöhnen, ihre Freundin mit jener Ehrerbietung anzureden, die einer Burgherrin und Gemahlin eines Ritters zukam, und Marie verlangte es auch nicht von ihr. Nun lachte sie leise auf. »Du tust ja gerade so, als hättest du bereits ein Dutzend Kinder geboren!«

Anni war knapp fünfzehn und immer noch ein recht schmales Ding. Dennoch hatte sie schon Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gesammelt, wenn auch recht unfreiwillige.

»Das habe ich nicht, aber ich weiß, dass es nicht gut für dich ist, so lange zu grübeln. Wir hätten Trudi mitnehmen sollen. Sie hätte dir deine Grillen längst schon ausgetrieben.«

Für einen Augenblick fühlte Marie, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie vermisste ihre kleine Tochter, mit der sie durch halb Böhmen gezogen war, doch da Michel so lange auf sein Kind hatte verzichten müssen, war Trudi bei ihm geblieben. Mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck sah sie Anni an. »Mach dir nicht so viele Sorgen um mich. Die meisten schwangeren Frauen haben ihre Launen. In spätestens einer Stunde lache ich wieder mit dir um die Wette.«

 

 

11. Ich bin dann mal weg  Hape Kerkeling 
 


10. Juni 2001 - Roncesvalles

Mann, bin ich gebeutelt! Kann kaum noch den Stift in der Hand halten.

Heute Morgen um kurz vor sieben verlasse ich mein Hotel mit dem Ziel Roncesvalles in Spanien. Frühstück gabs keines. Das wird erst ab acht gereicht. Stattdessen hab ich mir einen Powermüsliriegel gegönnt. Davon habe ich mir drei Stück eigentlich nur für Notfälle aus Deutschland mitgenommen. Meine Ein-Liter-Plastikwasserflasche habe ich lediglich zur Hälfte gefüllt, denn jedes Milligramm mehr macht meinen Rucksack nur schwerer.

Gleich nachdem ich den offiziellen, zunächst gepflasterten Pilgerpfad betrete, fängt es an, wie aus Kübeln zu regnen, und die nassfeuchte Kälte macht mir schnell klar, dass meine überteuerte Regenjacke nicht nur kälte-, sondern auch wasserdurchlässig ist. Kein anderer Pilger ist ­ unter­ wegs, soweit ich das in dem dichten Nebel beurteilen kann. Die Herrschaften baden offensichtlich gerne lau. Alles Weicheier und nicht so hart im Nehmen wie ich, so viel steht jetzt schon fest!

Eigentlich wollte ich heute schön langsam starten und mich an das Gewicht auf meinen Schultern und das Gehen mit dem Wanderstock gewöhnen. Pustekuchen! Bei dem Wetter will man nicht laufen, sondern bloß so schnell wie möglich irgendwo ankommen. Der doofe Pilgerstab gerät mir ständig zwischen die Füße und kleinste Stolperer führen dazu, dass mich der Rucksack, der Schwerkraft gehorchend, mit voller Wucht nach vorne drückt, sodass ich untrainierter Moppel mich nur mit Mühe wieder fange. Ein vernünftiges Lauftempo stellt sich so nicht ein. Entweder hetze ich atemlos vor mich hin oder ich krieche nur so voran.

Ob die Gegend hier schön ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Vor lauter Regen und Nebel kann ich nichts, absolut nichts sehen. Das Foto in meinem farbigen Reiseführer zeigt eine märchenhaft verschneite Gebirgskulisse vor einem glühenden Sonnenuntergang und erklärt diese Region zu einer der magischsten Europas, die ich unbedingt mal gesehen ­ haben sollte. Hier soll es üppige Weidematten mit Schafen, die unbedingte Vorfahrt genießen, egal wer des Weges kommt, unter schroffen Felsformationen geben. Mag sein.

Leider werde ich nie guten Gewissens behaupten können, hier gewesen zu sein!

So holpere ich dann in einem dreistündigen Gewaltmarsch immer nur steil bergauf, arbeite mich stoisch durch eine riesige Nebelwand auf die Passhöhe von Roncesvalles auf 1300 Höhenmetern zu, während mein Rucksack ganz eindeutig wieder nach Hause will, so wie der zieht.

Irgendwann, es war ja zu befürchten, kann ich nicht mehr weiter. Mir kommt der Gedanke, dass, wenn ich jetzt tot umfalle, mir auch mein knallroter Signalrucksack nichts nützt. Bei dem Bergnebel wäre ich auch von oben schier unauffindbar. Ich beschließe, dass das überaus tragisch ist, und so kann ich mich durch einen nervösen Lachanfall wenigstens entspannen. Lachen strengt mich aber noch mehr an. Die Vernunft obsiegt und so entscheide ich, dass hier und jetzt nichts mehr geht, dass ich das Heft nicht mehr in der Hand halte und mich demütig in mein Schicksal füge. Ich kann einfach nicht mehr weiter!

Bei strömendem Regen setze ich mich auf einen Stein am Wegesrand und genieße das nicht vorhandene Pyrenäen­ panorama. Ein Blick nach rechts sagt mir, dass ich den steilen Aufstieg nicht mehr schaffen werde, da der Gipfel, wenn ich von meinem bisherigen Entenmarschtempo ausgehe, wahrscheinlich noch Stunden entfernt liegt. Ein Blick nach links verrät, dass ich den wahrscheinlich dreistündigen, nicht minder steilen Abstieg auch nicht mehr auf die Reihe bekomme. Dies ist also ein Notfall und so gönne ich mir einen Müsliriegel und eine klatschnasse Zigarette. Triefende Nässe verleiht dem Tabak eine besondere Note. Der Regen stört mich nicht mehr, es ist eh schon alles triefend nass, übrigens auch alle Dinge in meinem garantiert wasserundurchlässigen Rucksack! Qualmend sitze ich auf dem Stein und lache. Keine Ahnung wie lang; fünfzehn Minuten vielleicht? Auf dem gesamten mehrstündigen Marsch war ich nicht einem einzigen Menschen begegnet.

Plötzlich - ohne Vorwarnung - taucht links vor mir im Nebel ein kleiner blauer Transporter auf. Ich reagiere prompt und zwinge ihn, vor Freude mit meinem Wanderstab wedelnd, zu halten. An mir und meinem Warnrucksack kommt der auf dem schmalen Sträßchen sowieso nicht vorbei. Der uralte dreirädrige Wagen kommt zum Stehen. Von innen wird die Beifahrertür geöffnet und ein knallrotes Bauerngesicht strahlt mich derbe an.

»Na, wo wollen Sie denn bei dem Sauwetter hin?«, schallt es mir in einem urwüchsigen französischen Dialekt entgegen.

»Nach oben!«, sage ich, denn das französische Wort für Gipfel will mir gerade partout nicht einfallen. Mit einer knappen einladenden Geste und einem dahingebrummten Wort bittet der Bauer mich in den Wagen. Ohne den Rucksack vorher abzuschnallen, setze ich mich neben den Gauloise rauchenden Mann im Blaumann und klebe nur fast mit der Nase an der Scheibe. Den von hinten kommenden strengen Gestank kann ich allerdings noch deutlich riechen. Ich drehe mich um und ein gigantischer Widderkopf blökt mich von der Ladefläche an. Ein zweites Tier streckt mir seelen­ ruhig sein Hinterteil entgegen. Mit Vollgas geht es jetzt Richtung Gipfel.

»Wie weit ist es denn noch bis... oben?«, frage ich, um eine Konversation zu beginnen.

»Nicht mehr weit. Zweieinhalb Kilometer vielleicht?«, entgegnet er, während er mir eine trockene Zigarette anbietet, welche ich mir rasch anzünde.

»Dann war ich ja doch schon fast oben«, entfährt es mir erleichtert.

»Sind Sie einer von den Pilgern?«

»Ja!«, antworte ich knapp und denke: »Jetzt habe ich es zum ersten Mal gesagt: Ich bin Pilger!«

»Meinen Sie nicht, dass Sie sich da ein bisschen zu viel aufhalsen?«, will er jetzt kritisch dreinschauend wissen.

Ja, ich mute mir allerdings zu viel zu, aber ich werde einen Teufel tun, das in Gegenwart zweier stinkender Schafe zuzugeben.

Der Wagen schlängelt sich flott nach oben und wie auf Kommando wird der blökende Widder von einem akuten Würgereiz, begleitet von grünem Auswurf, befallen. Kurz gesagt: Das riesige Schaf kotzt auf die Ladefläche. Als wäre das eine besondere Leistung, grinst der Landmann mich fröhlich an. Mir fällt nichts Originelleres ein als: »Ist ihm nicht gut?«

Der Bauer kann mich aber beruhigen: »Das macht er immer! Er fährt nicht gern Auto! Aber der Sommer kommt und dann müssen sie nun einmal wieder auf die Alm und das geht nur mit dem Auto.«

Auf einer Anhöhe setzt mich mein Fahrer dann im strömenden Regen und noch dichterem Nebel und bei subjektiv eindeutig gefühlten Minustemperaturen an einem total zermatschten Waldweg aus. Er beugt sich noch mal lächelnd mit der Kippe im Mund zu mir: »Das Schlimmste haben Sie geschafft! Der Gipfel ist nicht mehr weit.« Ich bedanke mich von Herzen und kann es mir nicht verkneifen, dem Widder gute Besserung zu wünschen. So braust das Auto weiter, während ich im Nebel erfolgreich nach Wegweisern fahnde. Durch die Verschnaufpause fühle ich mich wieder halbwegs gewappnet für den Weg nach Spanien und will mir daraufhin einen Schluck Wasser gönnen. Beim Griff nach meiner Wasserflasche muss ich jedoch feststellen, dass mir diese im Auto aus dem Rucksack gerutscht sein muss. Großartig! Es regnet in Strömen und ich hab das Gefühl zu verdursten.

Nach unzähligen weiteren kleinen Aufstiegen - die Luft wird da oben schon etwas dünner - komme ich an die berühmte Rolandsquelle, ganz in der Nähe der offenen spanischen Landesgrenze, dorthin, wo Ritter Roland sich so wacker, aber erfolglos gegen die Basken - oder waren es die Mauren? -­ ­ geschlagen hat. Schon Karl der Große soll aus der Quelle getrunken haben. Für solche historischen Spitzfindigkeiten habe ich jetzt allerdings wenig Sinn - ich habe Durst. Frei nach Brecht kommt erst das Trinken, dann die Bildung. Im Lauftempo hoppele ich zu dem Brunnen, während mein Rucksack fröhlich auf und ab schunkelt und noch viel stärker an meinen armen Schultern zerrt. Schon sehe ich mich meinen Durst stillen und drücke beinahe feierlich den schicken goldenen Hahn der Rolandsquelle und - nichts passiert! Kein Wasser!

Ich versuche es mehrmals, aber die Quelle scheint versiegt.

Sturzbäche fließen links und rechts an mir vorbei. Rot, matschig und modderig. Aber kein Wasser in der Quelle.

Mein Reiseführer weiß indes zu berichten, dass dies die einzige Trinkwasserquelle auf der gesamten Etappe ist, dass Roland, der Paladin Karls des Großen, hier von den Sarazenen - ah, den Sarazenen! - brutal gemeuchelt wurde und dass mich auf Grund der schlechten Witterung noch mindestens viereinhalb Stunden Fußmarsch erwarten. Fantastisch! Heute ist definitiv mein Tag! Ich bin wütend. Kann mir nicht verdammt noch mal jemand n Klempner schicken?

Da höre ich plötzlich ein allmählich sich näherndes Motorengeräusch. Und aus dem Nebel taucht am Berghang oberhalb der Quelle ein kleines Feuerwehrauto auf. Keine Halluzination!

Zwei gut gelaunte Feuerwehrmänner steigen aus und tapern durch den Nebel langsam zu mir herunter. »Cest tout bien, monsieur?« Sie erkundigen sich netterweise nach meinem Befinden. Meine Antwort kommt prompt und wer so großen Durst hat, der kann auch gut Französisch: »Mir geht es bestens, aber der Wasserhahn der historisch bedeutsamen Rolandsquelle ist defekt. Sie werden es kaum glauben, aber da ist kein Wasser mehr drin!« In Nullkommanix, wie halt die Feuerwehr so ist, bringen sie zwar den Hahn nicht dazu, Wasser zu spucken, aber durch eine gemeinsame Kraftanstrengung gelingt es ihnen, hinter der Quelle einen Schlauch aus dem Erdboden zu reißen und ich kann endlich saufen!

Mindestens zwei Liter lasse ich in mich hineinlaufen. Danach reparieren die Jungs alles wieder bzw. sie machen den Brunnen wieder funktionsuntüchtig; so wie er halt vorher war!

Heute war ich sicher der Einzige, der hier getränkt wurde. Und dann sprudelt die Frage förmlich aus mir heraus: »Was um Himmels willen machen Sie denn bei diesem Sauwetter hier oben?«

Der kräftigere der Feuerwehrmänner erklärt mir mit einem Lächeln: »Gar nichts. Meinem Kumpel ist bloß schlecht geworden. Gestern hatten wir den großen Feuerwehrball in Saint-Jean-Pied-de-Port und er hat zu viel getrunken und nun müssen wir alle zehn Minuten anhalten, weil der Kollege sich übergeben muss.« So schnell wie die Feuerwehr-Fata-Morgana gekommen ist, verschwindet sie auch wieder in der Nebelwand.

Mensch und Tier scheint es hier wohl öfter schlecht zu gehen und mir kommt es auf mysteriöse Art zugute. Zum zweiten Mal bin ich heute dankbar.

Die Feuerwehrmänner waren Franzosen, was bedeutet, dass ich also noch nicht mal in Spanien bin und der längste Teil des Wegs noch vor mir liegt. Beschwingt marschiere ich weiter durch den immer dichter werdenden Wald und über Berge, von denen ich nur vermuten kann, dass es sie gibt. Der Himmel will und will nicht aufreißen.

Nach drei weiteren quälenden Stunden Fußmarsch werde ich endgültig lauffaul, habe aber noch locker zwei Stunden auf den Beinen vor mir, denn der Regen wird immer stärker und ich immer schwächer. Mittlerweile bin ich so langsam geworden, dass mich innerhalb von einer halben Stunde ein Dutzend Pilger überholen. Wo kommen die auf einmal alle her? Seit Stunden habe ich niemanden gesehen und nun ziehen sie klitschnass und grußlos an mir vorüber!

Zum Glück geht es dann aber auch irgendwann wieder abwärts. Mein Herz schlägt höher. Der Abstieg auf dem höchstens zwanzig Zentimeter breiten Matsch- und Geröllpfad durch den Wald aus Buchen ist jedoch so steil, dass mein linkes Knie nach kurzer Zeit anfängt zu pochen und höllisch zu schmerzen. Dass Knieschmerzen sich so rasend steigern können, war mir bisher unbekannt. Es hilft nichts, ich muss laut vor mich hin stöhnen, um es auszuhalten, und es ist mir gleichgültig, ob das irgendjemand in dieser gottverlassenen Wildnis hört. Ich bin jetzt wehleidig!

Aus einem touristischen Kaufrausch heraus habe ich mir Gott sei Dank diesen Wanderstock gekauft. So sehr mich dieser Knüppel beim Aufstieg behindert hat, so sehr nützt mir dieser Zauberstab jetzt bei dieser Schlitterpartie nach unten. Ohne ihn könnte ich mich auf dieser Rutschbahn gar nicht mehr halten. Alle zehn Minuten muss ich eine Pause einlegen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Jetzt bloß kein Selbstmitleid. Ich hab mich hier hochgeschleppt und nun schleppe ich mich eben wieder runter. Allerdings muss ich vor Sonnenuntergang in Roncesvalles sein, sonst sehe ich tatsächlich schwarz. Bisher war immer noch kein Grenzstein zu sehen, also muss ich immer noch in Frankreich sein. Spanien, komm mir doch bitte ein Stückchen entgegen!

Die Schmerzen im Knie werden unerträglich und ich bin den Tränen nahe! In meinem hellsichtigen Reiseführer steht übrigens, dass jeder Pilger auf der Reise mindestens einmal weinen wird.

Aber doch bitte nicht gleich am ersten Tag! Noch zehn Minuten und ich falle um! Und oh Wunder, kurz bevor ich tatsächlich losheule, komme ich aus dem dichten Wald an eine Lichtung und sehe die Klostermauern von Roncesvalles. Ich fühle mich wie ein Aussätziger im Mittelalter, dem ein Barmherziger ein Stück Brot reicht. Ich habs geschafft. Sechsundzwanzig Kilometer zu Fuß über die Pyrenäen! Die kleine Spritztour mit dem Schafbauern mal nicht dazu­ gerechnet.

Das wuchtige Kloster von Roncesvalles, die offizielle Pilgerherberge, sieht aus wie eine verschlafene Dornröschenburg und ist drei Nummern zu groß für den bescheidenen Flecken. Der Ort scheint quasi jeden Moment von dem Konvent erdrückt zu werden. Nach einem kleinen Rundgang durch das Kloster, bei dem ich mich auf das Erdgeschoss beschränke, da ich heute nicht mal mehr eine Bordsteinkante bewältigen könnte, stellt sich leider heraus, dass die Schlafsäle, die Toiletten und Duschen nicht halten, was das Kloster von außen verspricht. Es ist schrecklich kalt und schmutzig. In der Haupthalle lagern an die fünfzig Pilger. Ihre durchnässten Kleider haben sie auf dem feuchten Steinboden zum Trocknen ausgebreitet. In den Ecken kauern und liegen verschwitzte, überanstrengte Menschen mit erstaunlich zufriedenen Gesichtern. So sehe ich also auch aus.

Als ich mir meinen ersten richtigen Pilgerstempel im Kloster abhole, fragt mich der stämmige baskische Rentner hinter dem Schreibtisch:

»Wieso wollen Sie nur einen Pilgerstempel, brauchen Sie kein Bett?«

Mein Spanisch kann sich im Gegensatz zu meinem Französisch wirklich hören lassen. Spanisch war mein zweites Abiturfach und ich liebe diese Sprache nach wie vor. Also entgegne ich ihm: »Nein, ein Bett brauche ich nicht, ich werde im Hotel schlafen.« Der Mann erhebt sich wütend von seinem Schreibtisch, haut mit der Faust auf den Tisch und fährt mich an: »Was fällt Ihnen ein? Das sind ja ganz neue Moden! Als Pilger hat man in einer Pilgerherberge zu schlafen, um gemeinsame Erfahrungen mit anderen Pilgern auszutauschen, und sich nicht in einem Hotel abzusondern!«

Fassungslos schaue ich den Bettenwart an und sage: »Erfahrungen tausche ich gerne aus, an Fußpilzaustausch habe ich jedoch kein Interesse.« Ich drehe mich um und gehe. Anstatt hier rumzumaulen, könnte der Typ besser mal eben die Duschwannen durchfeudeln, schießt es mir wütend durch den Kopf. Beim besten Willen, in diesem Kloster werde ich nicht übernachten. Ich habe mir den Gewaltmarsch meines Lebens angetan und werde mich jetzt nicht dafür bestrafen, indem ich in diesem refugio schlafe. Gut, übersetzt bedeutet das nicht mehr und nicht weniger als »Zuflucht«, deswegen darf man auch nicht zu viel erwarten.

Ich humpele auf die andere Seite der einzigen Straße im Dorf.

Meine Wahl fällt auf die kleine Pension direkt gegenüber dem Konvent. Sie ist preisgünstig, gepflegt und im warmen Zimmer gibt es sogar eine Badewanne. In der guten Stube angekommen, breite ich zunächst mal meine nassen Habseligkeiten auf dem Boden und über der Heizung aus. Selbst das Geld und mein Reiseführer sind nass. Mein Knie tut jetzt bei jedem Schritt höllisch weh. Hoffentlich muss ich das Unternehmen nicht nach der ersten Etappe abbrechen. Kommt nicht in Frage! Im Ruhezustand merke ich ja nichts. Rauflaufen geht gerade noch, aber runter ist unmöglich und leider hat man mir das einzige freie Zimmer im ersten Stock gegeben. Ich habe ewig gebraucht, bis ich hier oben war, und hab vorsichtshalber unten gleich was gegessen; Calamares in der eigenen Tinte, so muss ich nachher nicht mehr runter und dann wieder rauf. In meinem desorientierten Reiseführer steht, es soll hier ein Lebensmittelgeschäft geben. Gibt es aber nicht. Mir ist ein Rätsel, wo ich morgen Verpflegung herbekommen soll. Und selbst wenn es irgendwo ein Lebensmittelgeschäft gäbe, würde ich morgen früh die Stufen runter ins Erdgeschoss womöglich ja gar nicht mehr schaffen.

Ich halte fest: Auf meine Weise habe ich heute einen Gipfel erklommen. Meine unteren Gliedmaßen sprechen eine eindeutige Sprache. Sie sind mittlerweile zu einem einzigen dumpfen Schmerz zusammengewachsen. Verhält es sich mit meiner Suche vielleicht so wie mit der Suche nach dem Gipfel im Nebel? Ich kann zwar nichts sehen, aber er ist da! Es wird ja wohl nicht an akutem Sauerstoffmangel liegen? Jedenfalls freue ich mich, in Spanien zu sein, und morgen gehts weiter. Ich fühle mich so, als wäre ich heute durch einen nebeligen Geburtskanal auf den Weg geboren worden. Es war eine schwere Geburt, aber Mutter und Kind sind trotzdem wohlauf und die Nabelschnur ist durchtrennt! Von meinen orthopädischen Problemen sollte ich einmal absehen.

 Erkenntnis des Tages:

Obwohl ich den Gipfel durch den Nebel nicht sehen kann, ist er doch da!

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